Stadtlexikon Augsburg - Nachschlagewerk zur Geschichte der Stadt Augsburg und Schwabens.
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Sulzer

Kaufmanns- und Patrizierfamilie

Von: Dr. Peter Geffcken (1) / Prof. Dr. Mark Häberlein (2) (Stand: 2. Auflage Druckausgabe)

  • (1) 1354 bis Anfang 19. Jahrhundert in Augsburg nachweisbar; Herrenstube (Stubenzettel 1416); Aufnahme ins Patriziat 1538 (Ulrich-Linie), 1648 (Leonhard-Linie). Hartmann (I, † 1372/76), Angehöriger einer seit 1285 belegten Kaufbeurer Patrizierfamilie, erwarb 1354 Augsburger Bürgerrecht. Schon er dürfte der 1368 gegründeten Kaufleutezunft beigetreten sein. Nachhaltige Bedeutung erlangten nur die Nachkommen des mittleren Sohnes Johann (I, * ca. 1360, † 1428/29). Das rasche Wachstum des Anschlagvermögens von 2700 fl (1396; 19. Stelle) auf 10.080 fl (1422; 5. Stelle) belegt eine erfolgreiche Beteiligung am Fernhandel. Schwerpunkte seiner Aktivitäten sind bislang nicht eindeutig fassbar. Gemeinsame Steuerveranlagung lässt darauf schließen, dass die Firma von den Söhnen bis in die 1450er Jahre weitergeführt wurde. Ausgeschieden war der wohl aus erster Ehe stammende Sohn Johann (II; † 1438/39; Stammvater der jüngeren patrizischen Linie). Die Leitung lag offenbar bei dem zweiten Sohn Ulrich (I, † 1454). Wirtschaftlich am erfolgreichsten war der dritte Sohn Hartmann (IV, † 1465), der in den 1460er Jahren als Kaufmann in Österreich belegt ist. Schon seine Söhne zogen sich aus dem Handel zurück. Ulrich (III, † 1545), der eine Erbtochter des Hans Walther geheiratet hatte, übernahm 1511 von diesem Ottmarshausen und Hainhofen. 1538 wurde er als einziger der Familie ins Patriziat aufgenommen; die Linie erlosch 1601 mit seinem Enkel Konrad. Die Trennung Johanns (II) von seinen Brüdern endete tragisch; nach seinem Tod musste die Witwe fast den gesamten Besitz veräußern. Der einzige Sohn Georg (II, * um 1425, † 1486) konnte sich durch zwei Ehen mit reichen Kaufmannstöchtern sanieren. Ab 1466 im Rat belegt, gelangte er nach dem Sturz von Ulrich Schwarz in den engeren Führungszirkel und wurde 1479 als erster Sulzer zum Bürgermeister (Stadtpfleger) gewählt. Durch zahlreiche Nachkommenschaft wurde das Erbe erneut zersplittert. Die Söhne traten als Handelsdiener in fremde Dienste: Sigmund (I, † 1503/05) starb in Frankfurt, Markus († nach 1511) wird in Borna erwähnt. Leonhard (I, † 1533), der anfänglich für die Firmen Stammler-Winter und Grander-Rehlinger arbeitete, etablierte sich wieder im Kreis der Großkaufleute.
  • (2) Leonhard (I) war im Baumwoll- und Barchenthandel mit Antwerpen und Venedig tätig und 1508-1512 Konsul im Fondaco dei Tedeschi in Venedig. In nur drei Jahrzehnten stieg sein Anschlagvermögen von 533 fl (1498) auf 33.500 fl (1528). Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte hierbei wohl die Ehe mit Ursula Meuting, der Nichte Jakob Fuggers. Die Firma seines Sohnes Leonhard (II) wurde seit 1568 von dessen Söhnen Anton, Wilhelm und Georg fortgeführt. Das Unternehmen hatte Vertreter in Hamburg, Venedig und Lyon. 1579 wurde aus der Firma die 'Portugiesische Handlung' ausgegliedert, die allein unter dem Namen Georg Sulzers lief und auf den Edelsteinhandel in Lissabon spezialisiert war. Daneben handelten die Brüder mit niederländischer Leinwand, Baumwolle, Textilien, Pfeffer, Indigo, Messern, Möbeln, Wein und Leder. Nach dem Bankrott der Firma (1589) versuchte Georg, sein Vermögen zu retten, indem er die 'Portugiesische Handlung' auf seinen Sohn Matthäus übertrug, was einen jahrelangen Prozess mit den Gläubigern zur Folge hatte. Im 17. und 18. Jahrhundert spielten vor allem die Nachkommen des Hieronymus, eines Bruders von Leonhard (II), eine wichtige gesellschaftliche und politische Rolle. Wolfgang Leonhard und Hieronymus (II), Söhne Wolfgang Sulzers und der Jakobina Weiß, wurden 1648 ins Patriziat aufgenommen, Wolfgang Jakob, ein Enkel des Hieronymus (II), war 1739-1751 evangelischer Stadtpfleger; 1728 bestimmte er in seinem Testament 2000 fl für evangelische Arme und bedachte das evangelische Waisenhaus sowie das Zucht- und Arbeitshaus mit Legaten; 1734 erhöhte er diese Stiftung um 1000 fl. Der Stadtgerichtsassessor Leonhard Daniel Sulzer gründete 1745 eine Stiftung für evangelische Hausarme, deren Kapital aus dem Wohnhaus des Stifters, einem Anger vor dem Jakobertor und 7000 fl bestand.
  • Sulzerstraße (Antonsviertel, Amtlicher Stadtplan I 10).

Paul von Stetten, Geschichte der adelichen Geschlechter in der freyen Reichsstadt Augsburg, 1762, 167-170, 315-319; Anton Werner, Die örtlichen Stiftungen für die Zwecke des Unterrichts und der Wohltätigkeit in der Stadt Augsburg, 1899, 59-61; Jakob Strieder, Zur Genesis des modernen Kapitalismus. Forschungen zur Entstehung der großen bürgerlichen Kapitalvermögen am Ausgange des Mittelalters und zu Beginn der Neuzeit, zunächst in Augsburg, 21935, 129-133; Christel Warnemünde, Augsburger Handel in den letzten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts und dem beginnenden 17. Jahrhundert, 1956, 154-159; Eduard Zimmermann, Augsburger Zeichen und Wappen, 1970, 2965 f.; Fritz Peter Geffcken, Soziale Schichtung in Augsburg 1396-1521, 1995, München Diss. 1983, 146, 198, Anh. 6-219; Augsburger Eliten des 16. Jahrhunderts, 1996, 827-835.



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