Stadtlexikon Augsburg - Nachschlagewerk zur Geschichte der Stadt Augsburg und Schwabens.
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Stetten

(von Steden), Kaufmanns- und Patrizierfamilie

Von: Dr. Peter Geffcken / Redaktion (Stand: 5.12.2011)

  • Seit 1445 in Augsburg nachweisbar, noch heute im Raum Augsburg (Aystetten, Hammel) ansässig; 1484 Herrenstube; 1538 Aufnahme ins Patriziat; 31.3.1548 Reichsadel. Der aus Frankfurt stammende Johann (I) von Stetten († 1476/77) stand bereits im Dienst der Meuting-Gesellschaft, als er 1445 durch Heirat mit einer Tochter des Teilhabers Ulrich Meuting Augsburger Bürgerrecht und Zunftrecht der Kaufleute erwarb. Schon er versteuerte ein beachtliches Anschlagvermögen von 2460 Gulden (1466; 64. Stelle). Der Sohn Michael († 1525) erreichte den Anschluss an die Spitzengruppe der Augsburger Kaufleute. Er steigerte sein Anschlagvermögen von 1867 Gulden im Jahr 1486 (145. Stelle) auf 28.000 Gulden 1516 (19. Stelle). Durch Heirat (1484) mit einer Schwester Hans (I) Baumgartners gelangte er auf die Herrenstube. Es ergaben sich auch Geschäftskontakte, die um 1493 in der gemeinsamen Beteiligung an der Knoll-Baumgartner-Gesellschaft (Salzburg/Kufstein) fassbar sind. Daneben engagierte er sich bei Finanzoperationen seines Bruders Johann (II, † 1526), der als Rat und Schatzmeister in Diensten Maximilians I. stand. Michael gehörte zu den frühen Protestanten in Augsburg und wurde nach ’evangelischen Prauch’ begraben.

    Schon in den 1520er Jahren werden zwei Konstanten fassbar, die die Familie über drei Jahrhunderte kennzeichnen sollten: protestantische Konfession, die 1633 Grundlage der politischen Stellung wurde, und erfolgreiche Heiratspolitik, die wahrscheinlich nachhaltiger als kaufmännische Einzelbegabungen die herausragende wirtschaftliche Stellung der Familie sicherte. Michaels ältester Sohn Georg (I, * 1489, † 1562), anfänglich Teilhaber Christoph Herwarts, schied nach Heirat mit der reichen Tochter Ulrich Fuggers 1516 aus der Gesellschaft aus. Rückzug aus dem Handel und Erwerb der Herrschaft Boxberg (1524) kennzeichnen die Entwicklung eines feudalen Lebensstils in dieser Linie. Sein Sohn Georg (II, * 1520, † 1573), Miterbe des Bartholomäus (V) Welser, war der reichste Stetten in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts. Die Leidenschaft des Bürgermeisters Albrecht von Stetten († 1614) für die Alchimie vernichtete in der nächsten Generation das bedeutende Vermögen und führte zur Liquidation der Herrschaften Boxberg und Emersacker; mit dem Sohn Daniel († 1677), Hauptmann der Stadtgarde, erlosch die Linie. Auch Michaels zweiter Sohn Lukas von Stetten (* 1493, † 1545), seit 1516 anstelle des Bruders Herwart-Gesellschafter, zog sich nach Heirat mit der sehr reichen Fuggerwitwe Veronika Gassner vom Handel zurück, beteiligte sich aber weiterhin an Finanzspekulationen. Als Kaufmann aktiv blieb nur der jüngste Sohn Christoph (I, † 1556), der bis zu seiner Heirat als Herwartfaktor in Antwerpen tätig war; kurz vor seinem Tod ist er dann als selbstständiger Kaufmann fassbar. Ob dessen ältester Sohn Christoph (II, * 1534, † 1607) die Firma weiterführte, ist unklar. Sein Sohn Hans Christoph arbeitete 1586 als Handelsdiener in der Firma des Onkels David, wanderte später ab und begründete den Frankfurter Zweig der Familie (1734 erloschen). Die Witwe des Christoph (I) dürfte sich an der ab 1562 fassbaren Gesellschaft ihrer Brüder Sigmund und Daniel Hoechstetter beteiligt haben, als deren Mitarbeiter dann 1570-1578 der Sohn David (I, * 1553, † 1638) belegt ist. Wahrscheinlich übernahm David die Firma, als die beiden Höchstetter 1583 starben. Die in Venedig, Genua und den Niederlanden tätige Firma war einige Zeit sehr erfolgreich. In knapp 15 Jahren stieg Davids Anschlagvermögen von 10.750 Gulden (1590) auf 41.500 Gulden (1604), fiel aber bis 1618 wieder auf 13.400 Gulden. Entgegen der Literatur hinterließ er also kein großes Erbe.

    Der jüngste Sohn David (II, * 1595, † 1675) verfügte 1639 über ein Anschlagvermögen von nur 4000 Gulden. Die 58.250 Gulden, die der älteste Sohn Paul (I, * 1583, † 1643) schon 1618 versteuerte, stammten fast ganz aus der enormen Hinterlassenschaft seines Schwiegervaters Daniel Österreicher; dabei war er noch der ’ärmste’ von sieben Erben. 1625 hatte David (I) die Firma an die Söhne übergeben. Paul (I), der während der schwedischen Besatzung als Stadtpfleger amtierte, konnte sie ohne größeren Substanzverlust durch den Dreißigjährigen Krieg führen. 1646 versteuerte die Witwe das neuntgrößte Augsburger Vermögen. 1643 wurde Christoph (IV, * 1609, † 1673) anstelle des Vaters Gesellschafter. In seinen Händen dürfte bald die Geschäftsleitung gelegen haben, da der Onkel David (II) seit 1653 als Stadtpfleger amtierte. Den Wiederaufstieg der Firma belegen die Steuerdaten der Teilhaber: 1660 war Davids (II) Anschlagvermögen auf 24.000 Gulden (13. Stelle), das von Christoph (IV) – auch dank vorteilhafter Heiraten – auf 83.000 Gulden (2. Stelle) gestiegen. Da Christophs Vermögen durch Erbteilung zwischen der Witwe und den Kindern erster und zweiter Ehe stark zersplittert wurde, trat in der Firma Davids (II) Sohn David (III, * 1638, † 1704) vermehrt in den Vordergrund. Dass sich Christophs (IV) ältester Sohn, der Jurist Paul (II, * 1643, † 1729), aktiv am Handel beteiligte, erscheint zweifelhaft; belegt ist hingegen die Mitarbeit des Bruders Christoph (V, * 1644, † 1681), der bis zu seinem frühen Tod die Firma leitete; auch eine Beteiligung des Stiefbruders und Juristen Johann (IV, * 1658, † 1738) ist nicht nachweisbar. Eine (stille) Teilhaberschaft ist zwar nicht auszuschließen, die Juristen widmeten sich aber sicher vor allem ihren städtischen Ämtern: Ihre Laufbahnen wurden 1716 bzw. 1726 mit der Wahl zum Stadtpfleger gekrönt.

    Mit konsequenter ’Personalpolitik’ schufen sie die Basis für die dominierende politische Stellung der Familie im 18. Jahrhundert, die mehrfach zu Beschwerden beim Reichshofrat in Wien führte. Im 18. Jahrhundert stellten sie vier von neun evangelischen Stadtpflegern, drei weitere waren mit ihnen nahe verwandt oder verschwägert. Die letzte Phase der Stetten’schen Handlung ist nur unzureichend erforscht. Nach den Angaben des Raggionenbuchs übernahm 1704 Paul von Stetten die Leitung der Firma. Dass es sich bei ihm, wie in der Literatur behauptet, um den betagten Paul (II) und nicht um den Sohn des bisherigen Firmenoberhaupts David, Paul (III, * 1665, † 1727), handelt, erscheint wenig glaubhaft. Dass Mitte des 18. Jahrhunderts noch eine Stetten-Handlung existierte, ist nicht belegt. Die Söhne von Paul (III), der Stadtpfleger David (IV, * 1703, † 1774), der Geheime Rat Paul (IV) und dessen Sohn Paul (V), waren auch als Privatgelehrte tätig.

    Paul (IV, ’d. Ä.’, * 8.11.1705 Augsburg, † 9.2.1786 Augsburg) trat nach Privatunterricht (u. a. bei Johann Jakob Brucker), Besuch des Gymnasiums bei St. Anna und Jura-Studium (1723-1729) in Altdorf 1731 in den reichsstädtischen Verwaltungsdienst ein. Er amtete als Proviantmeister und gründete 1755 das Zucht- und Arbeitshaus. Verfasste eine auf Quellen fußende Geschichte Augsburgs bis 1648 (2 Bde., 1743/58); eine zeitliche Fortführung konnte er nicht mehr realisieren. Bemü­hungen, dem geistigen Leben der Stadt 1746 durch die Gründung einer gelehrten Gesellschaft zur Erforschung der Geschichte Augsburgs (’Ad insigne pinus’) Auftrieb zu geben, fanden wenig Anklang. Sein Sohn Paul (V., ’d. J.’, * 24.8.1731 Augsburg, † 11.2.1808 Augsburg) studierte nach Privatunterricht und Anna-Gymnasium in Genf und Altdorf. Wieder in Augsburg, begann er, u. a. eine Familiengeschichte zu schreiben (’Neues Ehrenbuch oder Geschichte des adeligen Geschlechtes der von Stetten’, 1766). Es entstanden Darstellungen der adeligen Geschlechter (1762) und der Wappen des Patriziats (1763), ferner literarische Porträts berühmter Augsburger; daneben verfasste er auch Romane, Singspiele und Kantatentexte. Förderte das Musikleben und pflegte Umgang mit Künstlern. Seine ’Kunst-, Gewerb- und Handwerksgeschichte der Reichs-Stadt Augbsurg’ (2 Bde., 1779/88) ist bis heute eine unentbehrliche Quelle. Beteiligte sich 1779 an der Erneuerung der Reichsstädtischen Kunstakademie. Inhaber von Ämtern in verschiedenen Verwaltungszweigen. Seit 1770 Ratsmitglied, 1792-1806 Stadtpfleger. Anna Barbara von Stettem (* 23.9.1754 Augsburg, † 19.2.1805 Augsburg), einziges Kind von Johann Adolf von Amman und Sybilla Marianne von Welser, heiratete 1774 einen Neffen Pauls (IV), Johann Ferdinand von Stetten (* 1723, † 1777), der im Augsburger Stadtregiment wichtige Ämter bekleidete. Die kinderlose Patrizierin stiftete am 9.5.1803 für die Gründung einer ’Bürgerlichen Töchterschule’ samt Internat 90.000 Gulden und ihre Häuser am Annaplatz (Martin-Luther-Platz 3). Das 'Anna Barbara von Stettensche Institut' wurde am 2.1.1806 mit 21 Schülerinnen eröffnet; erste Direktorin war Maria Barbara Degmair.

    Die politische Wirksamkeit der Stetten endete nicht mit der Mediatisierung. 1806 wurde Albrecht von Stetten (* 1736, † 1817), der bisher kaum hervorgetretene Bruder Pauls (V), als einer von zwei Bürgermeistern eingesetzt. Seine Nachkommen entwickelten auch wieder unternehmerische Aktivitäten. Der Enkel Paul (* 1790, † 1872) übernahm nach Tätigkeit als Prokurist 1832 die Bank seines Onkels Friedrich von Halder. 1839 zählte er mit Süsskind zu den größten Gewerbesteuerzahlern. Seit den 1860er Jahren leitete sein Sohn Karl (* 1822, † 1896) die Geschäfte; er beteiligte sich u. a. 1871 an der Gründung der Augsburger Bank (Bayerische Vereinsbank). Dessen Sohn Fritz (* 1854, † 1945) verkaufte das Bankhaus 1906 an die Dresdner Bank.
  • Stettenstraße (Bahnhofs- und Bismarckviertel, Amtlicher Stadtplan I, K 9), südlich und östlich davon lagen die Stetten'schen Gärten.

Anton Werner, Die örtlichen Stiftungen für die Zwecke des Unterrichts und der Wohltätigkeit in der Stadt Augsburg, 1899, 87, 168; Anton Mayr, Die großen Augsburger Vermögen 1618 bis 1717, 1931, 92-97, 115-123; Stetten-Jahrbuch, 1937-1949; Lebensbilder aus dem Bayerischen Schwaben 3, 1954, 314-345; Stetten-Zeitung, 1960-1965; Siegfried Merath, Paul von Stetten d. J., 1961; Wolfgang Zorn, Handels- und Industriegeschichte Bayerisch-Schwabens 1648-1870, 1961; D. von Stetten, Stammtafel der Stetten, 1964; E. Meyer, Die Begräbnisse der von Stetten in St. Anna zu Augsburg, in: Blätter des Bayerischen Landesvereins für Familienkunde 11 (1968/72), 177-209; Ingrid Bátori, Die Reichsstadt Augsburg im 18. Jahrhundert, 1969i; Wolfgang Zorn / Leonhard Hillenbrand, Sechs Jahrhunderte schwäbische Wirtschaft, 1969; Eduard Zimmermann, Augsburger Zeichen und Wappen, 1970, 4049; Festschrift zur Feier des 175-jährigen Bestehens der A.-B.-v.-Stettenschen Stiftungen in Augsburg, 1980; Ingrid Batóri, Paul von Stetten d. J., in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben 77 (1983), 103-124; Geschichte der Stadt Augsburg von der Römerzeit bis zur Gegenwart, 21985, 457-480, 592-607; Madlen Bregenzer, Anna Barbara von Stetten, in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben 87 (1994), 143-162; Fritz Peter Geffcken, Soziale Schichtung in Augsburg 1396-1521, 1995, München Diss. 1983, 145, Anh. 81-213; Werner Watzenig, Hans von Stetten - ein Finanzier Kaiser Maximilians I. aus Augsburg, in: Geschichtsforschung in Graz, 1990. 157-167; Augsburger Eliten des 16. Jahrhunderts, 1996, 867-877; Marita A. Panzer / Elisabeth Plößl, Bavarias Töchter, 1997, 29-32; Paul von Stetten d. J., Selbstbiographie, 2009.

Paul von Stetten d.Ä.

Paul von Stetten d.J.

Barbara von Stetten



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