Stadtlexikon Augsburg - Nachschlagewerk zur Geschichte der Stadt Augsburg und Schwabens.
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Stammler I

(’vom Ast’), Kaufmannsfamilie

Von: Dr. Peter Geffcken (Stand: 02.09.2010)

  • 1413 bis Mitte des 16. Jahrhunderts in Augsburg nachweisbar; 1474 kaiserlicher Wappenbrief, 1481 Herrenstube. 1413 wird Ulrich (I, † 1431/32), das erste bekannte Mitglied der Familie, als Handelsdiener der Rehlinger fassbar, 1429 erscheinen er und Johann Rudelshofer († 1451/52) als Teilhaber der Ulrich-Rehlinger-Gesellschaft. Das in nur wenigen Jahren erworbene beachtliche Vermögen wurde nach seinem Tod durch Aussteuerabtrennungen an die Schwiegersöhne (z. B. Andres Fugger) deutlich dezimiert, so dass die spät geborenen Söhne nur über ein begrenztes Startkapital verfügten. Ulrich (II, † 1481) wird erstmals 1444 in den Steuerbüchern erwähnt, 1469-1474 vertrat er die Kramerzunft im Großen Rat. Ab 1451 nennen die Steuerbücher den jüngeren Bruder Wolfgang († 1476/77), der 1459/60 und 1475/76 als Vertreter der Kaufleutezunft im Großen Rat erscheint. Da die Brüder auch nach dem Tod der Mutter († 1464/65) ihr Erbe nicht teilten, betrieben sie weiter gemeinsame Geschäfte. Ziele und Geschäftsfelder sind nur bruchstückhaft erkennbar. Eine Erwähnung Ulrichs als Mitglied der Salzfertigergesellschaft 1463 belegt Beteiligung am Salzhandel. 1467 erscheint Wolfgang als Lieferant von Buntmetall, die Bezahlung sollte in Nördlingen erfolgen. Offenbar besuchten die Brüder diesen Platz regelmäßig, 1468/69 werden sie in den dortigen Messestandbüchern erwähnt. Letzterer war auch an der Einrichtung der kostspieligen Klosterdruckerei St. Ulrich und Afra beteiligt. Die Erwähnung Ulrichs als Bleichspekulant 1475 lässt auf Beteiligung am Baumwoll- und Barchenthandel schließen. Indizien sprechen für frühe Handelskontakte nach Nürnberg. Gleiches darf für Venedig unterstellt werden, obwohl die Belege erst 1484 einsetzen. Der Generationswechsel führte Mitte der 1480er Jahre zu einer Neuordnung der Gesellschaftsverhältnisse. Wolfgangs Nachkommen schieden aus der Gesellschaft aus. Marx starb 1483 in Nürnberg, wo er als Faktor tätig war, Gotthard (I, † 1502/03?) machte sich selbstständig, arbeitete aber eng mit den Firmen seiner Verwandten (Ulrich Stammler, Lukas Fugger) zusammen. Die alte Stammler-Gesellschaft wurde wohl von den Nachkommen Ulrichs weitergeführt. Leiter war sein ältester Sohn Ulrich (III, † 1507/08?). Die meisten seiner Brüder arbeiteten wohl für die Gesellschaft: Der 1502 in Nürnberg bezeugte Leonhard war dort wohl schon seit den 1480er Jahren tätig; 1494 übersiedelte auch Georg († 1502) nach Nürnberg; Ulrich, Wolfgang Matthäus und Hieronymus blieben Augsburger Bürger. Nur Sebastian († 20.1.1528) wurde Geistlicher: 1491 Domherr in Brixen, 1506 dort Domscholaster und 1511 auch Propst des Stifts im Kreuzgang. Ulrich (III) ist 1484 erstmals in Venedig nachweisbar. Die Gesellschaft ’Henricus Stameler et fratres de Augusta’ (anstelle des in Italien ungebräuchlichen Ulrich verwendete man den Namen Heinrich) wurde eine der führenden Firmen im Venedighandel und verfügte im Fondaco dei Tedeschi über eine eigene Kammer. Auch im Handel mit Frankfurt erlangte sie eine bedeutende Stellung. Die starke Präsenz der Stammler in Nürnberg lässt auch auf eine aktive Beteiligung am Osthandel (belegt Frankfurt/Oder) schließen. 1493 geriet die Firma in finanzielle Schwierigkeiten und musste sich mit venezianischen Gläubigern vergleichen. Im Gegensatz zur befreundeten Lukas-Fugger-Gesellschaft lassen die Steuerdaten aber noch keine gravierenden Substanzverluste erkennen. Gerade die Verquickung mit den Geschäften der Fugger scheint aber eine Lösung der Probleme unmöglich gemacht zu haben. Ein erneuter Vergleich mit Gläubigern in Venedig 1499 läutet den Niedergang ein. Seit 1500 wurden die Steuerzahlungen in Augsburg ausgesetzt, 1501 mussten die Stammler ihre Kammer im Fondaco an die Hoechstetter abtreten. Clemens Sender berichtet, dass sie z. T. in der Freiung zu Augsburg (Immunitätsbezirk von St. Ulrich und Afra ) oder außerhalb starben. 1508 verschwindet Ulrich als letzter aus den Steuerbüchern. In Augsburg verblieben nur die Nachkommen Gottharts. Das Erbe der Kinder erster Ehe konnte aus dem väterlichen Konkurs (1499) gerettet werden: Marx (II) erscheint schon 1522 wieder unter den wohlhabenden Bürgern, sein Sohn studierte in Ingolstadt. Der Goldschmied Gotthart (II, † nach 1533), ein Sohn aus zweiter Ehe, lebte dagegen in bescheidenen Verhältnissen.

Chroniken der deutschen Städte vom 14. bis ins 16. Jahrhundert 22, 112; Leo Santifaller, Das Brixner Domkapitel in seiner persönlichen Zusammensetzung im Mittelalter, 1924, 474 f.; Jakob Strieder, Zur Genesis des modernen Kapitalismus. Forschungen zur Entstehung der großen bürgerlichen Kapitalvermögen am Ausgange des Mittelalters und zu Beginn der Neuzeit, zunächst in Augsburg, 21935, 190-192; Henry Simonsfeld, Der Fondaco dei Tedeschi in Venedig und die deutsch-venetianischen Handelsbeziehungen 2, 1887; Hans Conrad Peyer, Leinwandgewerbe und Fernhandel der Stadt St. Gallen 1, 1959, 354; Heinrich Steinmeyer, Die Entstehung und Entwicklung der Nördlinger Pfingstmesse im späten Mittelalter, 1960, 181; Eduard Zimmermann, Augsburger Zeichen und Wappen, 1970, 3069; Christa Schaper, Handelsprozesse Nürnberger Bürger vor dem Reichskammergericht, in: Wirtschaftskräfte und Wirtschaftswege 5, 1981, 111; Rolf Schmidt, Die Klosterdruckerei von St. Ulrich und Afra in Augsburg, in: Augsburger Buchdruck und Verlagswesen, 1997, 143, 151.



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