Stadtlexikon Augsburg - Nachschlagewerk zur Geschichte der Stadt Augsburg und Schwabens.
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Römische Archäologie

Von: Prof. Dr. Wolfgang Kuhoff (1) / Michaela Hermann (2) (Stand: 25.3.2010)

  • 1) Bereits im 16. Jahrhundert sammelten Humanisten die sichtbare Hinterlassenschaft von Augusta Vindelic(or)um und veröffentlichten sie in mustergültigen Werken: Konrad Peutinger und Markus Welser traten mit ausführlichen Darstellungen an die Öffentlichkeit. Außerdem bewahrten sie wie andere private Sammler viele römische Kunstwerke und Sachüberreste der Nachwelt. Eine systematische Forschung setzte im 19. Jahrhundert ein, institutionalisiert durch die Einrichtung eines Römischen Antiquariums im Jahr 1822, des Vorgängers des Römischen Museums, und durch die Gründung des Historischen Vereins für Schwaben 1834. Besondere Verdienste um die antike Geschichte Augsburgs erwarben sich Johann Nepomuk von Raiser und Moritz Mezger. Die Ausgrabungstätigkeit ist in Augsburg durch die Tatsache erschwert, dass der gesamte Bereich seit Jahrhunderten überbaut wurde und damit nur wenige freie Flächen offenblieben. Von einer umfassenden systematischen Arbeit kann, im Gegensatz zu anderen deutschen Römerstädten (Kempten, Köln, Mainz, Regensburg, Trier, Xanten), nur selten die Rede sein. Lange Zeit standen zufällige Funde im Vordergrund, wie die 1913 ergrabenen Militärausrüstungsgegenstände des Lagers von Augsburg-Oberhausen. Die Ausgrabungen im frühen 20. Jahrhundert sind mit dem Namen von Ludwig Ohlenroth verbunden, dem es gelang, mehrere antike Gebäude und Straßenzüge aufzudecken und einen vorläufigen Plan der Römerstadt zu entwerfen. Die Situation nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs konnte aus naheliegenden Gründen nicht für Flächengrabungen genutzt werden, doch erfolgte 1966 immerhin die Errichtung des Römischen Museums. Unter den in der Nachkriegszeit tätigen Forschern seien die Namen von Wolfgang Hübener und Aladar Radnóti hervorgehoben. Eine Ausweitung der Ausgrabungstätigkeit ist seit 1978 zu verzeichnen, als die Stelle eines Stadtarchäologen geschaffen wurde.

  • 2) Mit der Einrichtung der Stadtarchäologie und ihrem Ausbau Anfang der 1980er Jahre ging eine verstärkte Grabungsaktivität einher. Bedingt durch aktuelle Neubauvorhaben wurden im römischen Stadtgebiet oft vier bis fünf Ausgrabungen, die häufig mehrere Jahre dauerten, gleichzeitig durchgeführt. Aus der großen Anzahl der Notgrabungen können hier nur die wichtigsten mit ihren wesentlichen Ergebnissen genannt werden. Ein Kastell des 1. Jahrhunderts mit Spuren der Innenbebauung und der Wehrgräben wurde u. a. bei folgenden Maßnahmen berührt: Stephansgasse (1978), Maria-Ward-Institut (1979), Beim Pfaffenkeller (1989/90), Neues Kautzengässchen (1989/90), Äußeres Pfaffengässchen (1990–1996), Stephansgarten (1997/98; Anschnitt des Stabsgebäudes). Die Spuren eines Kleinkastells des 1. Jahrhunderts wurde 2002/03 bei Ausgrabungen Bei St. Barbara dokumentiert. Auf nahezu jeder Grabung in der Römerstadt werden mehrperiodige Holz- und Steinbauten des 1.–4. Jahrhunderts n. Chr. aufgedeckt, z. B.: Thommstraße (1981/82), Jesuitengasse (1982/83; 1987–1990 und 1992–1995, 2005/05), Fronhof (1984/85), Hoher Weg 18 (1984/85), Kornhausgasse (1985/85, 1990–1993 und 1998–2000), Lange Gasse (1986–1988), Äußeres Pfaffengässchen (1986/87, 1990–1996), Stephansgasse (1991–1993), Auf dem Kreuz (1990/91, 1996, 2000, 2001), Pfärrle (1992–1995), Hans-Nagel-Gasse (1995/96), Hinter dem Schwalbeneck (1996–2009), Am Pfannenstiel (1998–2001), Bei St. Barbara (2002/03), Inneres Pfaffengässchen (2005–2007). Bei Grabungen im Stephansgarten (1986/87) und in der Kilianstraße (1997) barg man nennenswerte Reste römischer Mosaikfußböden mit geometrischem Dekor. Der Nachweis von (öffentlichen) Großbauten gelang bei folgenden Kampagnen: Markthalle (Stephansgasse 1991–1993); palastartiger Bau oder Großtherme (Äußeres Pfaffengässchen), Baukomplex mit Bad (Hinter dem Schwalbeneck 1996/98). Weitere Badegebäude wurden bereits 1936/1938 in der Pettenkoferstraße/Ecke Mülichstraße und 1948–1950 in der Georgenstraße angeschnitten. Das römische Forum befand sich nicht im Zentrum der Stadt, sondern entwickelte sich auf dem Areal des um 69/70 n. Chr. zerstörten Kastells am östlichen Stadtrand (Grabung Stephansgarten 1998). Das Fundament der wohl zwischen 160 und 170 n.  Chr. errichteten römischen Stadtmauer und die mehrperiodigen Verteidigungsgräben deckte man an der Langen Gasse und in der Heilig-Kreuz-Straße auf; dort gelang auch der Nachweis von in der Spätantike angebauten Wachtürmen. Bereits zu Beginn des 2. Jahrhunderts wurde der am Pfannenstiel (1998–2000) aufgedeckte Stadtmauerabschnitt errichtetet. Nach neuesten Erkenntnissen planten die Römer noch in der Mitte des 2. Jahrhunderts die Umwehrung eines viel größeren Areals (Wehrgräben und Pfosten der Holz-Erde-Mauer wurden aufgedeckt Im Annahof, 2004, und in der Gutenbergstraße, 2008), bevor man schon kurze Zeit später die mit einer Stadtmauer befestigte Fläche stark verkleinern musste. Größere Untersuchungen in den an den Ausfallstraßen liegenden Friedhöfen fanden bei St. Ulrich und Afra (1982/84, 1998–2000) und an der Frölichstraße (Ev. Diakonissenanstalt, 1985, 1997/98, 2008–2010) statt. Bereits im 19. Jahrhundert wurde das Gräberfeld am Rosenauberg ohne Dokumentation zerstört. 1998 gelang die Bergung eines römischen Pfeilergrabmals für M. Aurelius Carus an der Hofer Straße (Oberhausen). Auf ein kleines spätantikes Gräberfeld stieß man 2007 am Ernst-Reuter-Platz. Eine römische Flusslände mit hölzerner Kaianlage wurde 1994 an der Franziskanergasse (Vincentinum) entdeckt. In der Nähe befand sich die Fundstelle des Augsburger Siegesaltars. Hinweise auf die Kontinuität von der Römerstadt in das frühe Mittelalter ergeben sich insbesondere aus den jüngsten Grabungen in der Bischofsstadt Hinter dem Schwalbeneck, Bei St. Barbara und Inneres Pfaffengässchen sowie in der Umgebung des Doms. Bei den großflächigen Ausgrabungen an der Kurt-Bösch-Straße in Göggingen (2002/03, 2006 und 2008/09) wies man eine frührömische Siedlung oder Villa rustica nach. Hier auf der Hochterrasse südlich von Augsburg wurde zudem an mehreren Stellen ein ca. 15–18 m breiter Graben angeschnitten, der Wasser in die Stadt leitete. Kleinere Wassergräben, die möglicherweise Abzweigungen davon sind, wurden in der Jesuitengasse (1988–1989) und in der Frölichstraße (2009) dokumentiert. Ein großer Teil des Wassers in römischer Zeit wurde zusätzlich aus den im Stadtgebiet zahlreich nachgewiesenen Brunnen und Zisternen gewonnen.

    Trotz vieler Erkenntnisfortschritte, die die verstärkte Grabungstätigkeit der letzten drei Jahrzehnte erbracht hat, ist die Erhaltung der stetig schrumpfenden Denkmalsubstanz das vordringlichste Ziel. Zukünftig sollte die wissenschaftliche Auswertung der bisher durchgeführten Ausgrabungen intensiviert werden, um einerseits weitere, differenziertere Kenntnisse über Augusta Vindelicum/Aelia Augusta zu erhalten, und andererseits um gezieltere Fragestellungen an weitere notwendig werdende Grabungen zu ermöglichen. Diese komplexe Aufgabe kann jedoch nur verwirklicht werden, wenn es gelingt, als unabdingbare Voraussetzung für wissenschaftliches Arbeiten endlich eine funktionierende Infrastruktur mit Dokumentationsarchiv und erschlossenen Fundbeständen in einem zentralen Fundmagazin zu schaffen.

Konrad Peutinger, Romanae vetustatis fragmenta in Augusta Vindelicorum et eius dioecesi, 1505; Ders., Inscriptiones vetustae Romanae et earum fragmenta in Augusta Vindelicorum et eius dioecesi, 1520; Markus Welser, Rerum Augustanarum Vindelicarum, 1594; Johann Nepomuk von Raiser, Die römischen Alterthümer zu Augsburg und andere Denkwürdigkeiten des Ober-Donau-Kreises, 1820; Moritz Mezger, Die römischen Steindenkmäler, Inschriften und Gefäßstempel im Maximilian-Museum zu Augsburg, 1862; Ludwig Ohlenroth, Zum Stadtplan der Augusta Vindelicum, in: Germania 32 (1954), 76-85; Wolfgang Hübener, Zum römischen und frühmittelalterlichen Augsburg, in: Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums 5 (1958), 154-238; Aladar Radnóti, Römische Inschriften in Augsburg als Dokumente der Siedlungsgeschichte, in: Jahresberichte der Bayerischen Bodendenkmalpflege, 1961, 16-33; Wolfgang Hübener, Die römischen Metallfunde von Augsburg-Oberhausen, 1973; Hans-Jörg Kellner, Die Römer in Bayern, 21972; Das archäologische Jahr in Bayern, 1981 ff.; Lothar Bakker, in: Geschichte der Stadt Augsburg von der Römerzeit bis zur Gegenwart, 21985, 23-50, 62-73, 78-87; Die Römer in Schwaben, 1985; Die Römer in Bayern, 1995, 419-425; Lothar Bakker / Andreas Schaub / Volker Babucke, Neues Stadtviertel der römischen Provinzhauptstadt Augusta Vindelicum entdeckt, in: Denkmalpflege-Informationen B 113 (1999), 2–5; Volker Babucke / Lothar Bakker / Andreas Schaub, Archäologische Ausgrabungen im Museumsbereich, in: Das Diözesanmuseum St. Afra in Augsburg, 2000, 99–128; Salvatore Ortisi, Die Stadtmauer der raetischen Provinzhauptstadt Aelia Augusta – Augsburg, 2001; Andreas Schaub / Lothar Bakker, Zur Stadtentwicklung des römischen Augsburg, in: Genese, Struktur und Entwicklung römischer Städte im 1. Jahrhundert n. Chr. in Nieder- und Obergermanien. 2001, 178–189; Andreas Schaub, Zur Lokalisierung des Forums von Augusta Vindelicum. Archäologische Aspekte zur Diskussion über die Provinzhauptstadt Raetiens, in: Augsburger Beiträge zur Archäologie, 2001, 27–41; Ders., Topographie und Stratigraphie des römischen Augsburg aufgrund neuerer Ausgrabungen, in: Neue Forschungen zur römischen Besiedlung zwischen Oberrhein und Enns, 2002, 109–120; Nina Willburger, Die römische Wandmalerei in Augsburg, 2004.

Blick auf die Fußbodenheizungsanlage eines Steingebäudes des 2./3. Jahrhunderts n. Chr. im Stephansgarten (Äußeres Pfaffengäßchen, Ausgrabung 1986/87)

Bei St. Barbara (2002). Kleinkastell des frühen 1. Jahrhunderts n. Chr. mit Graben als Umwehrung. Grundriss-Rekonstruktion der ergrabenen Befunde. (Plan: Günther Fleps)

Bei St. Barbara (2002). Kleinkastell des frühen 1. Jahrhunderts n. Chr. mit Graben als Umwehrung. Grundriss-Rekonstruktion der ergrabenen Befunde. (Plan: Günther Fleps)

Maria-Ward-Institut (1979). Abdrücke hölzerner Unterzüge für einen Dielenboden in einem Haus aus dem 2. Jahrhundert. In hinteren Ecke Herd aus Ziegelplatten und Reste der rot bemalten Wand.

Maria-Ward-Institut (1979). Abdrücke hölzerner Unterzüge für einen Dielenboden in einem Haus aus dem 2. Jahrhundert. In hinteren Ecke Herd aus Ziegelplatten und Reste der rot bemalten Wand.

Am Pfannenstiel (1998).Estrichboden mit Hypokaustpfeilern für die römische Fußbodenheizung. Im Hintergrund Reste einer aufgehenden Zimmerwand.

Am Pfannenstiel (1998).Estrichboden mit Hypokaustpfeilern für die römische Fußbodenheizung. Im Hintergrund Reste einer aufgehenden Zimmerwand.

Hinter dem Schwalbeneck (1999). Grundriss eines Gebäudes der mittleren Kaiserzeit. (Plan: Andreas Schaub)

Hinter dem Schwalbeneck (1999). Grundriss eines Gebäudes der mittleren Kaiserzeit. (Plan: Andreas Schaub)

Äußeres Pfaffengässchen (1993). Reste der Fußbodenheizung eine römischen Großbaus, vielleicht einer Therme. Im Hintergrund die Severinskapelle.

Äußeres Pfaffengässchen (1993). Reste der Fußbodenheizung eine römischen Großbaus, vielleicht einer Therme. Im Hintergrund die Severinskapelle.

Heilig-Kreuz-Straße/Doktorgässchen (1988). Wehrgräben vor der römischen Stadtmauer.

Heilig-Kreuz-Straße/Doktorgässchen (1988). Wehrgräben vor der römischen Stadtmauer.

Frölichstraße (1997). Bestattungen im römischen Gräberfeld an der Straße nach Cambodunum-Kempten.

Frölichstraße (1997). Bestattungen im römischen Gräberfeld an der Straße nach Cambodunum-Kempten.

Kitzenmarkt (2000). Gräber des spätantiken, vielleicht christlichen Gräberfelds südlich der römischen Stadt an der Via Claudia.

Kitzenmarkt (2000). Gräber des spätantiken, vielleicht christlichen Gräberfelds südlich der römischen Stadt an der Via Claudia.

Kurt-Bösch-Straße, Göggingen (2008). Römische Grube in einem Gebäude des 1. Jahrhunderts mit reichen Keramik- und Glasfunden.

Kurt-Bösch-Straße, Göggingen (2008). Römische Grube in einem Gebäude des 1. Jahrhunderts mit reichen Keramik- und Glasfunden.



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