Stadtlexikon Augsburg - Nachschlagewerk zur Geschichte der Stadt Augsburg und Schwabens.
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Pietismus

Von: Dr. Horst Jesse (Stand: 2. Auflage Druckausgabe)

  • Im 17. Jahrhundert entstandene individuelle evangelische Frömmigkeitspraxis, die sich gegen die dogmatische Predigtweise der Orthodoxie wandte. Ausschlaggebend für die kirchliche Erneuerung war Philipp Jakob Speners 1675 erschienene Schrift 'Pia desideria oder herzliches Verlangen nach gottgefälliger Besserung der wahren ev. Kirche'. Der Pietismus (lat. pietas = Frömmigkeit) sprach vor allem das aufstrebende Bürgertum an, das sich bald in religiösen Kreisen außerhalb der Kirche zu Erbauungsstunden um die Bibel als Quelle aller Heilserkenntnis traf. Besondrers die Laien sollten im Sinne von Luthers Gedanken vom 'allgemeinen Priestertum der Gläubigen' aktiv am kirchlichen Leben mitwirken. Unter August Hermann Francke mit seinen ab 1698 gegründeten pädagogischen Anstalten in Halle gewann der Pietismus Breitenwirkung. In Augsburg war es vor allem Theophil Gottlieb Spitzel, der Speners Ideen aufgriff und in Erbauungsschriften den persönlichen Glauben zu festigen suchte. Nach Einführung von Franckes Katechismus in Augsburg (1690) und Spitzels Tod (1691) wurde dessen Werk von dem Bortenmacher Bartholomäus Krauß in einem pietischen Kreis fortgeführt, der sich in praktischer Nächstenliebe der verwahrlosten Jugend annahm und das evangelische Armenkinderhaus gründete. Gottfrid Lomer, Pfarrer bei den Barfüßern, unterstützte dieses Vorhaben und fand in Johann von Stetten einen Förderer. Ein 'Collegium pietatis' als religiöses Zentrum neben der Amtskirche wurde nicht eingerichtet. Die Pfarrer von evangelisch St. Ulrich, Johann Weidner und Esajas Schneider, sprachen sich offen gegen den Pietismus aus. Der Pietismus Francke'scher Prägung konnte sich in Augsburg erst im 18. Jahrhundert durchsetzen, nachdem 1722 mit Samuel Urlsperger ein erster Franckes Ideen verpflichteter Geistlicher Pfarrer von St. Anna geworden war. Nach seinem Tod setzte sein Sohn Johann August Urlsperger sein Werk fort und gründete 1780 in Basel die Christentumsgesellschaft zur Verbreitung der Bibel. Die Gegensätze zwischen Pietismus und Orthodoxie blieben indessen weiter bestehen.

Paul von Stetten, Lebensbeschreibung zur Erweckung und Unterhaltung bürgerlicher Tugend, 1778/82; Albrecht Ritschl, Geschichte des Pietismus, 3 Bände, 1880-1886; Julius Hans, Geschichte des evangelischen Armenkinderhauses in Augsburg, 1902; Dietrich Blaufuß, Reichsstadt und Pietismus, 1977; Horst Jesse, Die Geschichte der Evangelischen Kirche in Augsburg, 1983, 261-278; Helmut Baier, Die evangelische Kirche zwischen Pietismus, Orthodoxie und Aufklärung, in: Geschichte der Stadt Augsburg von der Römerzeit bis zur Gegenwart, 21985, 519-530; Dietrich Blaufuß, Entdeckung und Erinnerung, in: Zeitschrift für bayerische Kirchengeschichte 63 (1994), 226-232; Horst Weigelt, Geschichte des Pietismus in Bayern, 2001.



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