Stadtlexikon Augsburg - Nachschlagewerk zur Geschichte der Stadt Augsburg und Schwabens.
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Meuting

(Meiting, Mütting), Kaufmanns-, Patrizierfamilie

Von: Dr. Peter Geffcken / Prof. Dr. Mark Häberlein (Stand: 2. Auflage Druckausgabe)

  • Seit Mitte des 14. Jahrhunderts bis 1613 in Augsburg nachweisbar; 1426 kaiserlicher Wappenbrief; 1441 Herrenstube; 1538 Aufnahme ins Patriziat. Bei den frü­hen Zusammenhängen der weberzünftigen Meuting ergeben sich deutliche Abweichungen zur Literatur. Sicher fassbar ist zuerst ein (Johann?) ’Mueting’ († 1377/80). Er erscheint schon 1368 als Miterbe eines Hauses am Kitzenmarkt, in dem 1377 er und 1380 Witwe und Söhne steuerten. Ab 1382 wurden Konrad (I, † 1411) und sein Bruder ’Mütting’ († 1391/92) selbstständig veranlagt. Das von Konrad erreichte Anschlagvermögen von 605 fl (1408; 194. Stelle) lässt Beteiligung am Baumwoll- und Barchenthandel vermuten. Nach Heirat (Hörnlin) erscheint 1410 sein einziger Sohn Johann (I, † 1448) in den Steuerbüchern, der ab 1411 auch das väterliche Erbe versteuerte. Konrad (I) hatte seit 1398 auch das Vermögen der Söhne seines früh verstorbenen Bruders verwaltet, die in seinem Haus aufwuchsen; ab 1415 wurde es von dem ältesten, nun schon als Kaufmann tätigen Ulrich versteuert. Erst 1427 erfolgte die Teilung, nachdem Ulrich (I, † 1447/48) 1423 eine Örtwein und Johann (II, † 1453) 1425 eine Hörnlin geheiratetet hatten. Nach den Steuerdaten hatte sich wohl schon um 1415/20 Johann (I) mit seinen Vettern zur Meuting-Gesellschaft zusammengeschlossen, die sich zu einer der bedeutendsten Augsburger Firmen in der 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts entwickelte. Wichtigstes Geschäftsfeld war wohl der Baumwoll- und Barchenthandel. So musste die Firma z. B. 1424 in Augsburg eine Buße für Einfuhr von Baumwolle schlechter Qualität zahlen. Indizien lassen außerdem eine starke Stellung bei der Versorgung des Ulmer Marktes erkennen (1434). Mit zunehmender Ausweitung der Handelbeziehungen engagierte man sich aber auch in anderen Bereichen. In den 1430er Jahren sind ständige Beziehungen nach Venedig, Genua und Brügge nachweisbar, daneben war die Firma in Frankfurt, Nördlingen und Nürnberg präsent. Außer den drei Meuting nennt der Gesellschaftsvertrag von 1436 als Teilhaber Nikolaus (I) Grander, einen Schwestersohn von Johann (I), den Schwager Ludwig (III) Hörnlin und Konrad Raud († 1461/62). Auch die zahlreich belegten Faktoren konnten sich mit Einlagen beteiligen. Den Erfolg der Firma spiegelt auch der soziale Aufstieg der Familie: Johanns (I) Anschlagvermögen stieg von 480 fl (1410) auf 23.940 fl (1448; 2. Stelle), das seiner Vettern Ulrich (I) und Johann (II) von (gemeinsam) 540 fl (1413) auf 12.000 fl (1448; 4. Stelle) bzw. 5916 fl. (1448; 21. Stelle). Vor den 1440er Jahren wechselten die 1423 noch weberzünftigen Meuting in die Kaufleutezunft. Um 1441 gelangte Johanns (I) ältester Sohn Ludwig (I, † 1481) durch Heirat mit einer Tochter des Stadtpflegers Ulrich Rehlinger als erster Meuting auf die Herrenstube. Seit Anfang der 1450er Jahre wurde die Firma von den Söhnen Johanns (I) weitergeführt. Die Ludwig-Meuting-Gesellschaft engagierte sich nun auch in Metallhandel und Geldgeschäft. 1456 schloss Ludwig (I) mit Erzherzog Sigmund den ersten bekannten Silberkontrakt einer Augsburger Firma: Mit einem Darlehen von 35.000 fl sicherte er sich für längere Zeit die Verfügung über die Tiroler Produktion. Von Herzog Ludwig von Bayern wurde er für ein Darlehen von 1200 fl auf Rattenberger Silber verwiesen. 1468 verhandelte er mit Heinrich Rummel über Bleilieferungen an die Rattenberger Saigerhütte. Entsprechend den intensiven Geschäftsbeziehungen nach Südosten lässt sich in Wien ein eigenes Gelieger unter Leitung von ’Hans Aurnhaymer’ fassen. In Köln war für die Firma der aus Augsburg stammende Nikolaus (II) Perckheimer († 1483/86) tätig. Dieser machte sich später mit dem ebenfalls aus Augsburg gebürtigen Egloff Müller selbstständig, der 1479 als Geschäftspartner der Meuting in den Niederlanden aufscheint. Zahlreiche Belege zeigen, dass der Handelsplatz Venedig aber weiterhin eine zentrale Rolle spielte. Indizien lassen auch einen geschäftlichen Zusammenschluss der Söhne Ulrichs (I) vermuten, mit denen wohl ihr Schwager Johann von Stetten zusammenarbeitete (1455, 1464). In den 1480er Jahren erlahmten die unternehmerischen Aktivitäten der Meuting: Eine Familiengesellschaft ist nicht mehr belegt, einzelne Angehörige erscheinen nun als Faktoren der Fugger, Baumgartner und Welser. Jörg, ein Enkel Ludwigs (I), übersiedelte Anfang des 16. Jahrhunderts nach Antwerpen und begründete den dortigen Zweig der Familie. Lukas († 1535), verheiratet mit einer Tochter Philipp Adlers, arbeitete in leitender Position für die Fugger, ehe ihm der Aufstieg zum selbstständigen Kaufmann gelang. Konrad d. J. († 1534), verheiratet mit Barbara Fugger, war von 1496 an für die Fugger in Hohenkirchen, Antwerpen und Innsbruck tätig. Bernhard d. Ä. war jahrelang Faktor der Welser in Mailand. Seine Söhne Bernhard d. J. († 1566) und Philipp beteiligten sich 1553 an einem Darlehen für den König von Frankreich und waren stark in Lyon und den Niederlanden engagiert, ehe sie um 1560 Bankrott machten. Jakob (* um 1510, † 1570), Sohn des Lukas, streckte König Ferdinand I. 1549/57 mehrfach größere Geldsummen vor. Sein Bruder Anton (* um 1524, † 1591) unterhielt in den 1570er und 1580er Jahren Geschäftsbeziehungen nach Spanien, Böhmen, Frankreich und Italien. Er gewährte 1569 ein größeres Darlehen an Herzog Albrecht von Bayern und lieh 1578 dem Kaiser 35.000 fl gegen dessen Einkünfte aus den böhmischen Brauereien. 1576 übernahm er die Pastell- und Safranhandlung der Erben Ulrich Ehingers. Seit Mitte des 16. Jahrhunderts ging eine Reihe von Mitgliedern der Familie, die 1538 ins Patriziat aufgenommen wurde und in der Umgebung Augsburgs (Hurlach, Igling) begütert war, Ehen mit Landadeligen ein. Hieronymus Meuting war 1536-1557 Bischof von Chiemsee. Sein gleichnamiger Neffe wurde 1573 geadelt (’Meuting von Radeck’). Die männliche Linie starb 1613 in Augsburg und 1761 in Antwerpen aus.

Paul von Stetten, Geschichte der adelichen Geschlechter in der freyen Reichsstadt Augsburg, 1762, 186 f.; Chroniken der deutschen Städte vom 14. bis ins 16. Jahrhundert 5, 133 f.; Henry Simonsfeld, Der Fondaco dei Tedeschi in Venedig und die deutsch-venetianischen Handelsbeziehungen 2, 1887, 228; Max Förderreuther, Die Augsburger Kaufmannschaft in den bayerischen Herzogtümern, 1892, 21, 45; Richard Ehrenberg, Das Zeitalter der Fugger 1, 1896, 189; Jakob Strieder, Zur Genesis des modernen Kapitalismus. Forschungen zur Entstehung der großen bürgerlichen Kapitalvermögen am Ausgange des Mittelalters und zu Beginn der Neuzeit, zunächst in Augsburg, 21935, 94-99, 220-223; Deren von Stetten Geschlechterbuch, 1955, 33; Christel Warnemünde, Augsburger Handel in den letzten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts und dem beginnenden 17. Jahrhundert, 1956, 33, 135; Heinrich Steinmeyer, Die Entstehung und Entwicklung der Nördlinger Pfingstmesse im späten Mittelalter, 1960, 180; Götz von Pölnitz, Anton Fugger 2/2, 1967, 638, 701, 705; Eduard Zimmermann, Augsburger Zeichen und Wappen, 1970, 4631, 4649; Franz Irsigler, Köln, die Frankfurter Messen und die Handelsbeziehungen mit Oberdeutschland im 15. Jahrhundert, in: Köln, das Reich und Europa, 1971, ; Friedrich Blendinger, Die wirtschaftlichen Führungsschichten Augsburgs 1430-1740, in: Führungskräfte der Wirtschaft in Mittelalter und Neuzeit 1, 1973, 59 f.; Robert Steiner, Die Meuting in Augsburg, 1978; Walter Ziegler, Studien zum Staatshaushalt Bayerns in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts., 1981, 246, 249; Geschichte der Stadt Augsburg von der Römerzeit bis zur Gegenwart, 21985, 177, 272, 277, 287; Neue deutsche Biographie 16, 1990, 275-277; Fritz Peter Geffcken, Soziale Schichtung in Augsburg 1396-1521, 1995, München Diss. 1983, 144, Anh. 40-217; Augsburger Eliten des 16. Jahrhunderts, 1996, 532-541.



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