Stadtlexikon Augsburg - Nachschlagewerk zur Geschichte der Stadt Augsburg und Schwabens.
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Medaillen

Von: Dr. Gerlind Werner (Stand: 2. Auflage Druckausgabe)

  • Mit dem Aufkommen der Porträtmedaille, die sich in kurzer Zeit zu einem sehr beliebten Kunstzweig entwickelte, beginnt im 2. Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts die Augsburger und zugleich die deutsche Medaillengeschichte. Ein Jahrhundert lang wurden fast ausschließlich Gussmedaillen hergestellt, in Augsburg überwiegend mit Holzmodellen. Die Augsburger Hans Daucher (seit 1515/18) und Hans Schwarz (1518/20 und wohl noch einmal 1525) schufen die ersten Bildnismedaillen von überragender Qualität. In den folgenden Jahrzehnten blieb Augsburg mit Nürnberg das Zentrum, die führenden Medailleure suchten in Augsburg Aufträge. Vom Oberrhein kamen Friedrich Hagenauer, in Augsburg tätig 1527-1531, und Christoph Weiditz, der 1527-1529 in Augsburg arbeitete und 1536 das Bürgerrecht erhielt. 1530 gesellte sich zu ihnen vorübergehend Matthes Gebel aus Nürnberg, während der Kaufbeurer Hans Kels d. J. sich in Augsburg niederließ. Sicher mögen die Reichstage von 1518 und 1530, vielleicht auch die Hochzeit Anton Fuggers Kristallisationspunkte für die rasche Entwicklung gewesen sein, das Neue und Entscheidende in dieser Entwicklung ist aber: Nicht nur Fürsten und Würdenträger wurden porträtiert, sondern die Augsburger Bürger, die Kaufleute und Handwerker, griffen in großer Zahl die Sitte auf und verschenkten ihr Abbild, kombiniert mit Wappen oder Devise (persönliches Motto mit bildlichem Symbol) in ’dauerndem Erz’, ein sehr beredtes Zeugnis des neuen Selbstbewusstseins in diesem Jahrhundert.

    Diese Vorliebe blieb bis zum Anfang des folgenden Jahrhunderts bestehen, es änderte sich aber die Technik. Seit 1576 arbeitete Balduin Drentwett, der aus Friesland kam, mit Wachsmodellen. Unter den von ihm Porträtierten befinden sich, der historischen Entwicklung mit zunehmenden konfessionellen Auseinandersetzungen folgend, Prediger der Augsburger Konfession. Das Medaillenwerk der Goldschmiede Lorenz Rosenbaum und Konstantin Müller, die Stempel für Prägemedaillen schnitten, ist noch nicht hinreichend erforscht. Die folgenden Jahrhunderte dominierte die Prägemedaille, Gussmedaillen und die private Porträtmedaille traten in den Hintergrund. Voraussetzung hierfür war der Einsatz der ersten Prägemaschinen schon zu Beginn des Jahrhunderts, ihren Höhepunkt erreichte die technische Entwicklung in der Aufstellung der Spindelpresse 1686. Selbstbewusst stellte sich jetzt auch der Rat der Stadt dar, von 1600-1774 in Ratsmedaillen zur Rats- bzw. Stadtpflegerwahl mit Bild und Wappen der Stadtpfleger, mit Wappen der Mitglieder des Geheimen Rats und der Bauherrn; die erste noch von dem in Nürnberg ansässigen Valentin Mahler, die späteren in der Augsburger Münzstätte hergestellt. ’Rat und Gemein’ erscheinen in den lateinischen Umschriften als S(enatus) P(opulus) Q(ue) A(ugstanus) auf Huldigungsmedaillen an Kaiser Leopold, insbesondere für die Siege gegen die Türken. Der Rat war auch Adressat von Medaillen, z. B. der Drahtzieher 1699, die sich für die erhaltenen Privilegien bedankten. Bürgermeistermedaille für die Amtskette ordnete erst im 19. Jahrhundert der bayerische Staat an. Zum Neubau des Rathauses wurden Grundsteinlegung 1618 (von Matthäus Gabler) und Vollendung (1620 von Hans Stadler) in Medaillen gefeiert. Die protestantische Gemeinde gab Medaillen aus für die Schüler des Gymnasiums bei St. Anna und zu den Gedenktagen der Reformation, vom Thesenanschlag bis zum Westfälischen Frieden, die Katholiken feierten das ’Wunderbarliche Gut’ in Heilig Kreuz und die Stadtheiligen Ulrich und Afra. Von den besonderen, in Medaillen festgehaltenen Ereignissen sei nur die glanzvolle Feier von 1690, die Krönung der Kaiserin und des Erzherzogs Joseph zum römischen König (Joseph I.) erwähnt, für die Auswurfmünzen, d. h. pfenniggroße Medaillen, die man während der Zeremonie unter das Volk warf, hergestellt wurden. Auszeichnungen kannte die Stadtrepublik nicht; erst in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts gibt es Prämienmedaillen für die Reichsstädtische Kunstakademie und für die Bürgerwehr, für die Schulen werden sie erst in bayerischer Zeit Pflicht. Im 19. Jahrhundert wird die private Bildnismedaille wieder wichtig, neu sind die Medaillen zahlreicher Vereine und für Ausstellungen.

    Augsburger Künstler waren auch außerhalb gesuchte und geschätzte Stempelschneider. Sebastian Dadler schuf in Augsburg 1619-1628 Medaillen moralischen Inhalts. Um 1676 begann Philipp Heinrich Müller, der sich auch für die Aufstellung einer Spindelpresse einsetzte und mit seinem Können und seiner Freundschaft zu Stadtpfleger Leonhard Weiß viel zur Blüte der Medaillenkunst in Augsburg beitrug; neben ihm blieb für Chrsitoph Jakob Leherr wohl kein Raum zum beruflichen Erfolg. Als einziger Stadtmedailleur wurde 1739 der Dacier-Schüler Jonas Thiébaud nach Augsburg berufen. Gewerblicher Vertrieb in größerem Stil von Medaillen, zu anfallenden Ereignissen und allgemeinen Gelegenheiten von der Taufe bis zum Tod, gab es in Augsburg erst im 19. Jahrhundert, doch war schon Philipp Heinrich Müller in diesem Sinne für die Nürnberger Lauffer und Kleinert tätig; einen eigenen Verlag hat er nicht aufgebaut. Johann Jakob Neuss, der Sohn des letzten Münzmeisters, gründete nach der Schließung der Münzstätte durch Bayern einen eigenen Münzverlag, musste aber mit den von ihm geschnittenen Stempeln in München oder Stuttgart prägen lassen. Besonders erfolgreich war die Medaillenanstalt von Gottfried Drentwett mit einem umfassenden Programm zu vielen allgemeinen Anlässen und zu aktuellen Ereignissen in ganz Deutschland.

Johann Paul Großhauser, Verzeichnis der in der Münzsammlung des Historischen Vereins zu Schwaben und Neuburg befindlichen Münzen und Medaillen der Stadt Augsburg, in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben und Neuburg 35 (1869/70), 1-89; Leonard S. Forrer, Biographical dictionary of medallists, 1904-1930; A. von Forster, Die Erzeugnisse der Stempelschneidekunst in Augsburg und Ph. H. Müller‘s […] und die Augsburger Stadtmünzen, 1910 (Nachtrag 1914); Georg Habich, Augsburger Wachsbossierer aus der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts, in: Archiv für Medaillen- und Plakettenkunde 4 (1923/24); Ders., Die deutschen Schaumünzen des 16. Jahrhunderts, 1931/34; Welt im Umbruch, 1980-1981; Elias Holl und das Augsburger Rathaus, 1985, 275 ff.; H.-P. Martin, Medaillen, in: Die Renaissance im deutschen Südwesten, 1986, 576 ff.; The currency of fame, 1994, 204-239.



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