Stadtlexikon Augsburg - Nachschlagewerk zur Geschichte der Stadt Augsburg und Schwabens.
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Humanismus

Von: Dr. Bellot Josef / Redaktion (Stand: 5.1.2012)

  • Humanistische Forschungen und Sammlungen setzen in Augsburg schon früh ein. Ein Kreis um Bischof Peter von Schaumberg, dem u. a. der Arzt Hermann Schedel, der Kaufmann Sigmund Gossembrot, der Stadtschreiber Valentin Eber und einige Domherren angehörten, zeigte nach 1450 eine ausgeprägte Bildungsbegeisterung. Daneben führte die geistige Erneuerung im Kloster St. Ulrich und Afra durch die Melker Reform zu einer Regeneration des Scriptoriums, die historischen Interessen des Konventualen Sigmund Meisterlin mündeten in den Versuch, in einer Chronik die Frühgeschichte Augsburgs zu ordnen. Es entwickelte sich eine bis zum Ende des 16. Jahrhunderts reichende Chronistik (Geschichtsschreibung). Erst durch den von Italien beeinflussten Konrad Peutinger ergaben sich überregionale Verbindungen. Er selbst blieb jedoch trotz literarischer Versuche im wesentlichen der große Anreger, der Sammler von römischen Münzen, Steindenkmälern, von Urkunden und anderer historischer Quellen. Die von ihm gegrümdete Sodalitas Litteraria Augustana publizierte einige dieser Quellen und knüpfte Beziehungen zu den Elsässer Humanisten, zu Konrad Celtis und Ulrich von Hutten. Peutinger unterstützte und koordinierte auch die großen buchkünstlerischen Projekte Kaiser Maximilians. Die geistig aufstrebende Stadt zog nach 1500 bedeutende Gelehrte an (Johannes Böschenstein, Othmar Luscinius, Johannes Pinicianus, Johann Mader). In St. Ulrich und Afra betrieb Veit Bild humanistische Studien. Die Anstrengungen waren zunächst darauf gerichtet, das Lateinische einzubürgern, Kenntnisse des Griechischen zu vermitteln und das Hebräische bekannt zu machen. Ein deutlicher Hang zu humanistischem Gedankengut und eine Vorliebe für die Literatur italienischer Autoren manifestierten sich in zahlreichen Übersetzungen, die in Augsburger Verlagen in der Frühzeit des Buchdrucks bis 1550 erschienen. Nach dem von Reformationswirren geprägten Jahrzehnt zwischen 1520 und 1530 wurde 1531 das Gymnasium bei St. Anna gegründet. Von Anfang an waren hier literarisch angesehene und humanistisch gebildete Philologen tätig. Die 1537 errichtete Stadtbibliothek (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg) wurde zu einem humanistischen Bildungszentrum; 1545 wurden 126 griechische Handschriften für die Bibliothek erworben, die weniger klassische Texte, als vielmehr Quellen zur oströmischen Geschichte und Schriften der Kirchenväter enthielten. Historisch-philologischen Forschungen standen die Bibliotheken der Fugger offen; ihre Antikensammlungen und die Förderung von Editionen bezeugen eine ausgeprägte Beziehung zu klassischem Bildungsgut und humanistischem Mäzenatentum. Erste Editionen antiker Autoren sind Sixt Birck zu verdanken; er führte auch das lateinische Schuldrama ein. Als Editor großen Stils wirkte Hieronymus Wolf, der Begründer der deutschen Byzantinistik, der Quellen zur gesamten byzantinischen Geschichte aus dem griechischen Original ins Lateinische übertrug. Sein Werk wurde von seinem Schüler David Höschel, einem der letzten Humanisten des 16. Jahrhunderts, fortgesetzt. Eine kurze Blüte bescherte nochmals der von Markus Welser 1593 gegründete Verlag Ad insigne pinus, der im Zusammenwirken mit David Hoeschel und gelehrten Augsburger Jesuiten wie Matthäus Rader und Jakob Pontanus griechische Texte aus den Beständen der Stadtbibliothek und Werke der neulateinischen Philologie publizierte. Daneben stand der Verlag allen anderen humanistischen Disziplinen offen. Das Ende des Verlags 1614 markiert gleichzeitig das Ende des Humanismus in Augsburg.

A. Lier, Der Augsburger Humanistenkreis mit besonderer Berücksichtigung Bernhard Adelmanns von Adelmannsfelden, in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben 7 (1880), 68-108; Max Radlkofer, Die humanistischen Bestrebungen der Augsburger Ärzte im 16. Jahrhundert, in: ebenda 20 (1893), 25-52; Friedrich Zoepfl, Der Humanismus am Hof der Fürstbischöfe von Augsburg, in: Historisches Jahrbuch 62/63 (1949), 671-708; Josef Bellot, Humanismus, Bildungswesen, Buchdruck und Verlagsgeschichte, in: Geschichte der Stadt Augsburg von der Römerzeit bis zur Gegenwart, 21985, 343-357; Rolf Schmidt, Reichenau und St. Gallen, 1985, 29-34; H. Spilling, Handschriften des Augsburger Humanistenkreises, in: Renaissance- und Humanistenhandschriften, 1988, 71-84; Franz Josef Worstbrock, Frühhumanismus in Deutschland, in: Von der Augsburger Bibelhandschrift zu Bertolt Brecht, 1991, 166-174; Ders., Imitatio in Augsburg. Zur Physiognomie des deutschen Frühhumanismus, in: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 129 (2000), 187-201; Helmut Gier, Der Augsburger Domherr Bernhard von Waldkirch und der Beginn der Blütezeit des Humanismus in Augsburg, in: Jahrbuch des Vereins für Augsburger Bistumsgeschichte 36 (2002), 109-123; Harald Müller / Anne-Katrin Ziesak, Der Augsburger Benediktiner Veit Bild und der Humanismus, in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben 95 (2002), 27-51; Agnès Bresson, Peiresc et le cercle humaniste d'Augsbourg, in: Peiresc 1604-2004 2, 2005, 173-258; Humanismus und Renaissance in Augsburg, 2010.



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