Stadtlexikon Augsburg - Nachschlagewerk zur Geschichte der Stadt Augsburg und Schwabens.
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Heilig Kreuz

Von: Prof. Dr. Wilhelm Liebhart (1-4) / Günther Grünsteudel (4) (Stand: 20.8.2009)

  • 1) Stift. Die Anfänge werden mit der Gründung eines Augustiner-Chorherrenstifts bei Muttershofen (Gemeinde Lützelburg, Landkreis Augsburg) um 1150 in Verbindung gebracht, wo noch 1154 ein Propst bezeugt ist. Bischof Konrad von Hirscheck überführte das mittlerweile auf den Hammelberg verlegte Stift 1159/ 67 in die Augsburger Vorstadt, an die Stelle des Heilig-Kreuz-Spitals, das auf eine fromme Stiftung für 12 Arme aus der Zeit Bischof Ulrichs (I.) zurückgeht. 1143 hatte Bischof Walter (I.) das Spital für Reisende und Arme vom nördlichen Perlachbereich in die Vorstadt am Wagenhals südöstlich der Domstadt an eine der Ausfallstraßen der Stadt verlegt. Die Übergabe an die Augustiner-Chorherren hing damit zusammen, dass diese sich damals besonders der Seelsorge in Hospitälern und Wallfahrtskirchen widmeten. 1194 entstand die 1199 bestätigte Wallfahrt zur Bluthostie, dem ’wunderbarlichen Gut’. In der Folge scheinen die Chorherren das Spital vernachlässigt zu haben. Eine 1239/45 erfolgte Neugründung erhielt das Heilig-Geist-Patrozinium und wurde von Laienbrüdern betreut (Heilig-Geist-Spital). 1256/61 verhinderte das Domkapitel die bischöfliche Aufhebung zugunsten des Deutschordens. Um 1400 schwere Krise, ebenso wie im verwandten Stift St. Georg, mit dem man stets um den Vorrang stritt. Seit 1475 Reform und geistige Blü­te. Während der Reformation entstand eine evangelische Pfarrgemeinde, 1537-1546 musste der Konvent ins Exil gehen. 1802 lebten 23 Stiftsherren im Konvent. Er war der wohlhabendste in der Stadt. Nach der Säkularisation wurden die Konventgebäude als Kaserne, die Stiftskirche als Garnisonskirche genutzt (Garnison).
  • 2) Stiftskirche (Heilig-Kreuz-Straße 5). 1492/1508 wurde ein romanischer Bau (1305) durch eine dreischiffige, spätgotische Hallenkirche ersetzt, für die Kaiser Maximilian I. ein Fenster stiftete. 1677 Turmerhöhung mit Zwiebelhaube durch Michael Thumb. 1681/87 Neubau der Konventgebäude. 1716/19 barocke Umgestaltung des Kircheninnern durch Johann Jakob Herkommer. Deckenfresken von Johann Georg Bergmüller (1732). 1944 wurden die Konventgebäude mit Ausnahme eines Teils des Prä­latenbaus zerstört, die Kirche wurde schwer beschädigt; 1946-1949 Wiederaufbau des Langhauses in gotisierenden Formen durch Robert Pfaud und Michael Kurz. Rekonstruktion der Turmzwiebel erst 1989. Wichtige Ausstattungsstücke: Altarblatt von Peter Paul Rubens (’Himmelfahrt Mariens’, um 1622/25), ’Tempelgang Mariae’ von Matthias Kager (1616), drei Figuren einer Kreuzauffindungsgruppe von Ignaz Wilhelm Verhelst (1782), Kruzifix von Georg Petel (um 1627). Die ehemalige Stifts- und Wallfahrtskirche ’Zum Wunderbarlichen Gut von Heilig Kreuz’ ist seit 1932 Dominikanerprioratskirche.
  • 3) Kath. Pfarrei. 1199 als Stiftspfarrei eingerichtet. Die Pfarrgrenzen verliefen vom Heilig-Kreuzer-Tor zum Springbrunnen in der Nä­he der Judengasse, von dort zum Obstmarkt, umschlossen das Viertel ’Im Thäle’ und im Norden Häuser westlich der Langen Gasse. Die Reformation führte zur Spaltung der Pfarrei. Die katholische Bevölkerung hielt am alten Brauchtum, u. a. an der Verehrung der Bluthostie fest. Obwohl die Echtheit mehrmals bezweifelt wurde, blieb die Wallfahrt lebendig (Heinrich Institoris). Die Corporis-Christi-Bruderschaft (seit 1483/1601), die Bruderschaft des hl. Erzengels Michael und des Evangelisten Markus für Kaufleute und Krämer (1599), das Liebesbündnis des Wunderbarlichen Gutes und die Bruderschaft der katholischen Maurergesellen (1757) hatten ihren Sitz in der Pfarrkirche. Die Pfarrei wurde 1809 aufgehoben. 1932 übertrug Bischof Kumpfmüller Kirche und ehemaliges Kloster den Dominikanern.
  • 4) Evangelisch-lutherische Pfarrkirche (Heilig-Kreuz-Straße 7; Pfarrbüro: Ottmarsgässchen 6). Seit 1210 bestand auf dem Friedhof des Klosters eine Kapelle, die 1450 durch einen Neubau ersetzt wurde und dem Stift als Predigthaus diente (St. Ottmar), bevor sie 1525 vom Rat den Protestanten zugewiesen wurde. 1561 verzichtete das Stift auf seine Rechte an der nunmehr evangelischen Kirche, die 1630 (Restitutionsedikt) abgebrochen wurde. Als die Protestanten 1648 das Grundstück zurückerhielten, sammelte Pfarrer Thomas Hopfer (1618-1678) u. a. in Dänemark und Schweden Geld für einen Neubau, der 1652/53 durch den Kistler Johann Jacob (I) Krauss auf trapezförmigem Grundriss mit dreigeschossiger, volutengeschmückter Giebelfassade samt dreier Portale und dominierendem Giebelreiter errichtet wurde. Hoher Saal mit Emporen, Kassettendecke und nach Westen gerichteter Choranlage. Chor und Orgelempore greifen aus barocker Warte die Fuggerkapelle von St. Anna auf. Im Altarhaus Fresko Johann Georg Bergmüllers (um 1730). Kanzel von Ignaz Wilhelm Verhelst nach einem Entwurf Johann Esaias Nilsons (1762), flankiert von zwei Gemälden Johann Heinrich Schönfelds (1665). Wanduhr, erneuert 1730. Emporenbrüstungen mit Grisaillearbeiten von Matthäus Gundelach. Außerdem Bilder u. a. von Schönfeld, Johann Heiß, Friedrich Sustris und Jacopo Tintoretto (?). Die Pfarrei verfügt seit 1955 über zwei Pfarrstellen und zählt derzeit 1712 Gemeindemitglieder (Stand: 1.1.2009).
  • Heilig-Kreuz-Straße (1938, Georgs- und Kreuzviertel, Amtlicher Stadtplan I 8).

Adolf Schott, Die evangelische Kirche zum heiligen Kreuz, 1903; Michael Hörmann, Die Augustiner-Chorherren in Augsburg im Mittelalter, Diss. München 1931; Thomas Aquinas Dillis, Das Wunderbarliche Gut bei Hl. Kreuz in Augsburg, 1949; Ders., Die Geschichte des Augustiner Chorherrn-Stifts bei Hl. Kreuz zu Augsburg, 1952; Norbert Backmund, Die Chorherrenorden und ihre Stifte in Bayern, 1966, 49-52; Walter Scheidler, Augsburger Kirchen, 1980, 52-58; Horst Jesse, Die Geschichte der Evangelischen Kirche in Augsburg, 1983, 48 f., 243-246, 421 f.; Die evangelische Heilig-Kreuz-Kirche in Augsburg, 1981; Wilhelm Liebhart, Stifte, Klöster und Konvente in Augsburg, in: Geschichte der Stadt Augsburg von der Römerzeit bis zur Gegenwart, 21985, 197 f.; Joachim Jahn, Augsburg Land (Historischer Atlas von Bayern, Teil Schwaben 11), 1984, 89; Peter Rummel, Katholisches Leben in der Reichsstadt Augsburg (1650-1806), in: Jahrbuch des Vereins für Augsburger Bistumsgeschichte 18 (1984), 32-34, 109; Wilhelm Liebhart, Die Säkularisation in Augsburg 1802-1807, in: Aufbruch ins Industriezeitalter 2, 1985, 145; Bernt von Hagen / Angelika Wegener-Hüssen, Stadt Augsburg, 1994, 220-230; Ulrike Laible, Bauen für die Kirche, 2003, 296 f., 303 f.; Raphael M. Börger, Das Wunderbarliche Gut zu Heilig Kreuz Augsburg, 1999; 350 Jahre Evang.-Luth. Heilig-Kreuz Augsburg, 2003.

Katholische und evangelische Heilig Kreuz Kirchen (Foto: Angelika Prem)



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