Stadtlexikon Augsburg - Nachschlagewerk zur Geschichte der Stadt Augsburg und Schwabens.
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Fuggerei

(Jakobervorstadt-Süd)

Von: Günther Grünsteudel (Stand: 2.10.2009)

  • Älteste bestehende Sozialsiedlung der Welt. 1514 erwarb Jakob Fugger ’der Reiche’ mit seinen Brü­dern Ulrich und Georg etliche Anwesen vor dem Barfüßertor in der Jakobervorstadt. 1516 stiftete er hier eine Wohnsiedlung für ’arm, dürftig Bürger und Inwohner zu Augsburg’, für Handwerker, Taglöhner etc., ’so öffentlich das Almosen nicht suchen’. Der Maurermeister Thomas Krebs errichtete 1519-1523 insgesamt 53 Häuser mit je zwei Wohneinheiten (ca. 60 m2), die seit dem frühen 17. Jahrhundert mit Hausbrunnen ausgestattet waren. Diese einzigartige, Idealstadt-Vorstellungen der Renaissance im Kleinen realisierende Anlage führt darüber hinaus unverkennbar die Tradition niederländischer Beghinenhöfe (z. B. Brügge) fort. Zweigeschossige, uniforme Traufseitbauten in Zeilenbauweise reihen sich längs der zentralen Herrengasse und fünf auf diese zulaufenden Nebengassen; den Ostabschluss bildet die parallel zur Herrengasse verlaufende Saugasse; Zugang durch mehrere Tore. Die Fuggerei verfügte früher – neben der Kirche (St. Markus, 1582) – über eine Schule, eine Krankenstation für Fuggersche Diener und beherbergte das Holz- und Schneidhaus (Fuggerisches Schneidhaus). Im Februar 1944 wurde die Fuggerei zu 80 % zerstört. Der Wiederaufbau (1947-1955) und die Erweiterung um den Witwenbau wurden allein aus Mitteln der Fuggerschen Stiftungen finanziert. Das Senioratsgebäude beherbergt Reste des zerstörten Fuggerhauses am Rindermarkt und der Kapelle St. Leonhard, die Fassade ziert seit 1962 der Eckerker des ehemaligen Hoechstetter-Hauses. Die Jahres(kalt)miete für eine Wohnung in der Fuggerei beträgt bis heute den nominellen Gegenwert eines Rheinischen Gulden, derzeit 0,88 Euro sowie täglich drei Gebete für den Stifter und seine Familie. In den 140 Wohnungen der 67 Häuser wohnen derzeit rund 150 Menschen. Der Mietvertrag für eine ’Gnadenwohnung’ gilt auf Lebenszeit. Die Fuggerei wird heute von katholischen Augsburger Bürgern bewohnt, die das 55. Lebensjahr überschritten haben und ohne eigenes Verschulden in Not geraten sind. Die Fuggerei, die bis heute nahezu ausschließlich aus dem Stiftungsvermögen (Forstwirtschaft und Immobilien) finanziert wird, wird durch die Fürstlich und Gräflich Fuggersche Stiftungs-Administration verwaltet.

  • Das kleine Fuggerei-Museum (Mittlere Gasse 13), das einzige Haus in der Fuggerei, dessen historische Bausubstanz (um 1520) weitgehend erhalten ist, veranschaulicht die mit ca. 60 m2 Wohnraum für die damalige Zeit großzügige Wohnsituation der Bewohner. Ein großes Modell zeigt den Zustand der Fuggerei vor 1944. Am Nebenhaus verweist eine Tafel darauf, dass Franz Mozart, der Urgroßvater Wolfgang Amadé Mozarts, 1681-1694 hier gewohnt hat.

Josef Weidenbacher, Die Fuggerei in Augsburg, 1926; Götz von Pölnitz, Jakob Fugger 1, 1949; Norbert Lieb, Die Fugger und die Kunst im Zeitalter der Spätgotik und frühen Renaissance 1, 1952, 250-258; Marion Tietz-Strödel, Die Fuggerei in Augsburg, 1982; Bernt von Hagen / Angelika Wegener-Hüssen, Stadt Augsburg, 1994, 174-180; Otto Nübel, Die Fuggerei, 101998; Ulrich Fugger von Glött, Die Fuggerei, die älteste Sozialsiedlung der Welt, 2003; Museen in Bayern, 42006, 33; Martin Kluger, Die Fuggerei, 2009.

Fuggerei um 1930

Fuggerei heute



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