Stadtlexikon Augsburg - Nachschlagewerk zur Geschichte der Stadt Augsburg und Schwabens.
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Friedhöfe

Von: Dr. Peter Stoll (1) / Hans Hirsch (2) (Stand: 12.1.2011)

  • 1) Christliche Friedhöfe: Für das römische Augsburg ist von Friedhöfen an den Ausfallstraßen außerhalb der Stadt auszugehen. Gräberfelder sind nachgewiesen im Bereich Rosenauberg/Hauptbahnhof, Pfannenstiel/Rugendasstraße sowie bei St. Ulrich und Afra an der früheren Via Claudia. Dieser spätantike Friedhof wurde möglicherweise schon früh christlicher Bestattungsort, der sich vielleicht in Zusammenhang mit dem Grab der heiligen Afra († um 304) entwickelte und bis ins 8./9. Jahrhundert genutzt worden sein dürfte.

    Im Mittelalter hat wohl jede Pfarrei einen eigenen Friedhof besessen, wovon heute nur noch Spuren erhalten sind, z. B. Reste der Friedhofsumbauung beim Anwesen Ulrichsplatz 23. Am besten dokumentiert ist der zwischen Dom und St. Johannes gelegene Friedhof der Dompfarrei. Der zugehörige überdachte Gang, der v. a. vornehmen Familien als Begräbnisstätte diente und an den u. a. auch die Kapellen der Lang und Langenmantel angebaut waren, wurde als ’finstere Gred’, das nicht überdachte Gelände als ’lichte Gred’ bezeichnet.

    Aufgrund von Platzmangel in den Pfarrfriedhofen wurde ab 1494 zwischen St. Stephan und dem Lueginsland der allen Pfarreien zur Verfügung stehende sogenannte ’Untere Friedhof’ mit der Friedhofskapelle St. Salvator (1498) angelegt. Andere Friedhöfe befanden sich in der Nähe von Siechenhäusern und wurden wiederholt im Zusammenhang mit Seuchen eingerichtet. Der 1534 vom Rat angelegte und seit 1563/64 kontinuierlich genutzte sogenannte ’Obere Friedhof’ vor dem Roten Tor ist der älteste noch bestehende Friedhof der Stadt.

    Nach Einführung der Parität wurde 1649 sowohl dieser Friedhof, der heutige Protestantische Friedhof (Haunstetter Straße 36), als auch der Friedhof bei St. Stephan den Protestanten zugesprochen. Ein allein Katholiken vorbehaltener Friedhof, der heutige Katholische Friedhof (Hermanstraße 10), war 1600 u. a. auf Betreiben der Jesuiten vor dem Gögginger Tor angelegt worden, die Friedhofskirche St. Michael entstand 1603/05. Dieser Friedhof wie auch der Protestantische Friedhof bei St. Stephan wurden im Spanischen Erbfolgekrieg (1703/04) verwüstet. Der Katholische Friedhof wurde wiederhergestellt, der Stephans-Friedhof hingegen eingeebnet; an seiner Stelle wurde eine Befestigungsanlage errichtet. Das bayerische Verbot von Bestattungen innerhalb der Stadtmauern (1803) führte ab 1806 zur Auflassung der innerstädtischen Friedhöfe (an Stelle des Dom-Friedhofs wurde ein Exerzierplatz angelegt).

    Das 19. Jahrhundert hat vor allem auf dem Protestantischen Friedhof architektonische Spuren hinterlassen: Die 1825 nach Plänen Johann Michael Voits erbaute evangelische Friedhofskirche und das Leichenhaus von Franz Joseph Kollmann (1837) sind wertvolle Dokumente graezisierend-romantischer Architektur unter dem Einfluss Klenzes und Schinkels. Der nach 1750 über der Gruft der Familie Schaur errichtete ’Schaursche Trauersaal’, der bis 1837 als Leichenhaus diente, wurde Anfang der 1870er Jahre abgebrochen. Der Katholische Friedhof erhielt 1837/38 ein 1944 zerstörtes Leichenhaus, für das u. a. Joseph Pertsch und Leo von Klenze nicht realisierte Entwürfe lieferten, und nach 1860 eine von Ludwig Leybold entworfene Toreinfahrt. Um der ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts prekären Raumsituation auf beiden Augsburger Friedhöfen abzuhelfen, plante die Stadt Mitte der 1880er Jahre einen Simultan-Friedhof in der Wolfzahnau, fand damit aber bei beiden Konfessionen wenig Anklang.

    Seit den Eingemeindungen von 1911/16 lagen vier weitere Friedhöfe im Stadtgebiet: der 1874 zur Entlastung des 1890 aufgelassenen alten Pferseer Friedhofs bei St. Michael angelegte Westfriedhof (Stadtberger Straße 80a), der 1915 nach Plänen von Otto Holzer eine Aussegnungshalle in Jugendstil-Formen und einen neubarocken Torbau erhielt; der Ostfriedhof (Stätzlinger Straße) in Lechhausen und der Nordfriedhof (Nordfriedhofstraße) in Oberhausen. 1854 bzw. 1866 entstanden zur Entlastung später aufgelassene Friedhöfe bei St. Pankratius und St. Peter und Paul sowie der 1858 für die Pfarrei Heiligste Dreifaltigkeit errichtete Kriegshaberer Friedhof . Hochzoll besaß nie einen eigenen Friedhof, die Toten wurden in Friedberg bzw. Lechhausen bestattet.

    1964 entstand zur Entlastung des Ostfriedhofs der Neue Ostfriedhof an der Zugspitzstraße. Die Eingemeindungen von 1972 brachten weiteren Zuwachs: In Haunstetten wurde der Friedhof um die Pfarrkirche St. Georg nach 1870 durch den sogenannten Alten Friedhof (Bürgermeister-Widmeier-Straße 55) ersetzt, auf dem vor allem das Mausoleum des Johann Georg Käß (1904), ein Zentralbau in romanisierenden Jugendstilformen, Beachtung verdient; 1956 kam zu seiner Entlastung der Neue Friedhof zwischen Hopfen- und Postillionstraße hinzu. Der heutige Gögginger Friedhof (Friedhofweg) ersetzte ab 1875/76 den Friedhof bei St. Georg und Michael. Der alte Bergheimer Friedhof bei St. Remigius wird seit den späten 1930er Jahren nicht mehr genutzt; weiter westlich entstand in den 1960er Jahren ein neues Friedhofsareal. Der Inninger Friedhof bei St. Peter und Paul wurde Anfang der 1950er Jahre zugunsten eines Friedhofsgeländes an der Octavianstraße aufgelassen.

    Während der Katholische (4,5 ha) und der Protestantische Friedhof (5 ha) im Besitz der innerstädtischen Pfarrgemeinden jeweiliger Konfession sind und vom Katholischen bzw. Protestantischen Friedhofsamt verwaltet werden, handelt es sich mit Ausnahme des Kriegshaber Friedhofs bei allen anderen derzeit genutzten Friedhöfen um nicht-konfessionelle Einrichtungen, die dem Städtischen Friedhofsamt unterstehen.
  • 2) Jüdischer Friedhof: Der 1298 erstmals erwähnte Judenfriedhof lag vor der Stadtbefestigung am Heilig-Kreuzer-Tor (zwischen der heutigen Klinkertorstraße und dem Katzenstadel). Nach Vertreibung der Juden (1438) wurde das nach 1445 nicht mehr genutzte Friedhofsgelände in die Befestigung einbezogen, die Grabsteine wurden u. a. zum Bau des Rathauses verwendet. Einige Grabsteine haben sich, eingemauert in das ehemalige Wohnhaus Konrad Peutingers, erhalten. Bis in den Dreißigjährigen Krieg konnten die Landgemeinden Mittelschwabens den Friedhof der Gemeinde Burgau mitbenutzen, was vorgeblich aus Gründen der Infektionsgefahr bald darauf untersagt wurde.

    Neben Buttenwiesen (1632/33) und Binswangen (1663) entstand auch 1627 in Kriegshaber ein neuer Friedhof, der sich zur zentralen Begräbnisstätte der umliegenden Judengemeinden entwickelte und 1695 bzw. 1722 erweitert wurde. 1802 Bau des noch heute bewohnten Friedhofswärterhauses. Bis 1816 überführten die Münchner, bis 1868 die Augsburger Juden ihre Toten hierher. Von Pfersee und Steppach führten ’Judenwege’ zur Kriegshaberer Begräbnisstätte, die bis in die 1950er Jahre genutzt wurde und heute im ehemaligen Wohngebiet der US-Streitkräfte (Hooverstraße 15) liegt. 1867 kaufte die Augsburger Gemeinde ein Grundstück zwischen Haunstetter Straße und Altem Postweg, das seit 1868, nach Fertigstellung eines Tahara- und Leichenhauses und Bau einer Umfassungsmauer, als Friedhof genutzt wurde. 1924, 1930 und 1950 kam es zu Schändungen. Nach dem Krieg Wiederaufbau der bombenzerstörten Halle, 1979-1982 umfassende Instandsetzung des Friedhofs.

1) Paul von Stetten, Geschichte der Hl. Röm. Reichs Freyen Stadt Augspurg, 1743-1758; Ferdinand Seydel, Der Führer auf den Gräbern der in Augsburg Verstorbenen, 1838 (Prot.), 1839 (Kath.); Fritz Steinhäußer, Augsburg in kunstgeschichtlicher, baulicher und hygienischer Beziehung, 1902, 115 f.; August Vetter, Die alten Augsburger Friedhöfe, in: Augsburger Rundschau 3 (1920/21), 49; Eduard Gebele, Alt-Augsburger Gottesäcker, in: Schwäbischer Postbote 1926, 492; Ein vergessener Augsburger Friedhof, in: Schwäbischer Postbote 1932, 312; Rolf Kießling, Bürgerliche Gesellschaft und Kirche in Augsburg im Spätmittelalter, 1971; Eckhard von Knorr, Material zur Geschichte der evangelischen Ulrichskirche in Augsburg, in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben 69 (1975), 31-60; Architektur des 19. Jahrhunderts in Augsburg, 1979, 77 ff., 88 ff.; Haunstetten, 1983; Bernt von Hagen / Angelika Wegener-Hüssen, Stadt Augsburg, 1994; Denis A. Chevalley, Der Dom zu Augsburg, 1995, 537 f.; Werner Bischler ; Erwin Stier, Der Protestantische Friedhof in Augsburg, 2009.
2) Fritz Leopold Steinthal, Geschichte der Augsburger Juden im Mittelalter, 1911; L. Lamm, Die jüdischen Friedhöfe in Kriegshaber, Buttenwiesen und Binswangen, 1912; Richard Grünfeld, Ein Gang durch die Geschichte der Juden in Augsburg, 1917; Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern, 1988, S. 247 f.; Auf den Spuren jüdischen Lebens in Augsburg, 1992; Bernt von Hagen / Angelika Wegener-Hüssen, Stadt Augsburg, 1994, 214 f., 250-252, 350 f.

Katholischer Friedhof an der Hermanstraße

Kapelle St. Salvator auf dem ehemaligen Friedhof bei St. Stephan



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