Stadtlexikon Augsburg - Nachschlagewerk zur Geschichte der Stadt Augsburg und Schwabens.
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Fortunatus

Von: Dr. Christoph Roth (Stand: 2. Auflage Druckausgabe)

  • Frühneuzeitlicher Prosaroman. Die Überlieferung der ’Hystoria’ von Fortunatus, einem edlen Bürgersohn aus Famagusta/Zypern, setzt mit einem Frühdruck ein, der 1509 im Auftrag des Augsburger Apothekers ’Johannßen Heybler’ von Johann Otmar gedruckt wurde; die zahlreichen Holzschnitte gehen wohl auf Jörg Breu zurück. Von den 13 deutschen Auflagen, die das Werk im 16. Jahrhundert noch erfuhr, ist die Hälfte in Augsburg zu lokalisieren. Möglicherweise ist der Fortunatus, der als erster deutscher Originalroman gilt, hier auch entstanden. Dafür spricht manche Übereinstimmung des Romans mit der Augsburger Chronik des Burkhard Zink, aber auch der Umstand, dass Thematik und viele Details genau zu den sozialen und ökonomischen Gegebenheiten in der Reichsstadt passen (etwa die Karriere der Fugger von der Weberei zum Handelsimperium). Zentrale Probleme des Werkes bilden das Verhältnis zwischen Adel und dem reichen, nach eigener Identität suchenden Bürgertum sowie die Rechtfertigung des Reichtums durch seinen rechten Gebrauch. Fortunatus flieht vollkommen verarmt, aber im Vertrauen auf seine Kraft, seine Jugend und sein Glück von Zypern ’in frembde land’. Im Verlauf seiner Abenteuer, die ihn durch die ganze christliche Hemisphäre führen, begegnet ihm im Moment größter Bedrängnis ’die junckfraw des glücks’ und lässt ihn aus den ihr zu Gebote stehenden Gütern, Weisheit, Reichtum, Stärke, Gesundheit, Schönheit und langes Leben, eines auswählen. Fortunatus entscheidet sich für den Reichtum in Gestalt eines nie versiegenden Geldsäckels. Nach Zypern zurückgekehrt, heiratet er die Königstochter Kassandra, die ihm zwei Söhne schenkt. Neugierde und Langeweile treiben ihn dazu, den anderen Teil der Welt kennenzulernen. Es gelingt ihm, dem Sultan von Kairo ein Wunschhütlein zu entführen, das seinen Besitzer an jeden beliebigen Ort versetzen kann. Angesichts des Todes muss er erkennen, dass ihm beide Wundermittel in den letzten Dingen nicht helfen können. Er stirbt, nachdem er Säckel und Hütlein seinen Söhnen anvertraut hat. Der sogleich entbrannte Streit um die Kleinodien deutet schon zu Beginn des letzten Drittels des Romans an, dass seinen Söhnen ein verhängnisvolles Schicksal aus deren Besitz erwachsen wird. Im Epilog kontrastiert der Erzähler Fortunatus’ Entscheidung für den Reichtum mit Salomos Wahl der Weisheit (1. Kön. 3, 5-13), hält aber die daraus resultierende Lehre seltsam in der Schwebe, so dass es zu einer regelrechten Verurteilung des Besitzes nicht kommt. Es sei vielmehr zu befürchten, ’die jungfraw des gelücks [...] sey auß unseren landen verjaget und in dieser welt nit mer tzu finden’.

Deutsche Volksbücher in Faksimiledrucken A 4, 1974; Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon 2, 21980, 796-798; Literaturlexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache 3, 1989, 458 f.; Fortunatus, 1989; Hannes Kästner, Fortunatus - peregrinator mundi, 1990; Johannes Janota, Fortunatus, in: Große Werke der Literatur 3, 1993, 49-56; Fortunatus, 1996.

Fortunatus - Titelblatt der Erstausgabe



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