Stadtlexikon Augsburg - Nachschlagewerk zur Geschichte der Stadt Augsburg und Schwabens.
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St. Anna

Von: Dr. Horst Jesse / Redaktion (Stand: 29.7.2009)

  • 1) Karmelitenkloster. Am 5.8.1275 bestätigte Bischof Hartmann von Dillingen dem Prior des Ordens der hl. Maria vom Berge Karmel den Ankauf des bisherigen Sacciterhauses und eines Grundstückes an geweihter Stelle. Dem Bettelorden wurde gestattet, die Messe zu lesen, die Beichte zu hören, zu predigen und sowohl die verstorbenen Brü­der als auch die Wohltäter des Ordens im Kloster zu bestatten. 1321 Errichtung einer Kirche mit Geldern Bischof Friedrichs I. und der Bürgerschaft (v. a. der Langenmantel), die nach einem Brand (1460) durch eine dreischiffige Pfeilerkirche (1497) ersetzt wurde. 1420 stiftete das Ehepaar Hirn eine Grabkapelle, die ab 1496 als Grablege der Zunft der Goldschmiede genutzt wurde (’Goldschmiedekapelle’, Wandmalereien um 1500). Der 1460 errichtete Kreuzgang war bis ins 18. Jahrhundert eine bevorzugte Grablege des Augsburger Patriziats (124 Grabdenkmäler). Prior Matthias Fabri (1479-1497) gründete die Anna-Bruderschaft, der Männer und Frauen beitreten konnten. Ab 1494 enthielt das Prioratssiegel, das zuvor den Verkündigungsengel getragen hatte, das Bildnis der hl. Anna. Am St. Anna-Tag (26.7.) 1500 nahmen Kaiser Maximilian I. und die Reichsfürsten am Festgottesdienst teil. 1508 Errichtung der von Georg Regel d. J. gestifteten Heilig-Grabkapelle (seit 1656 Grabkapelle der Österreicher). 1509 stifteten Jakob und Ulrich Fugger eine Grabkapelle und ließen sie von Sebastian Loscher unter Beteiligung Hans Burgkmairs und Jakob Zwitzels nach dem Raumideal der italienischen Renaissance ausgestalten. Die Epitaphien für Ulrich und Georg Fugger wurden von Loscher nach Zeichnungen Dürers ausgeführt. Die 1518 geweihte Fugger-Kapelle gilt als der früheste Renaissanceraum in Deutschland. Zwischen dem 7.10. und 20.10.1518 nahm Martin Luther im Kloster Quartier, als er sich am Rande des Augsburger Reichstags einem Verhör durch den päpstlichen Legaten, Kardinal Cajetan, unterziehen musste. Prior Johann Frosch, der Luther seit Erfurter Studienjahren kannte, schloss sich der Reformation an, trat 1523 von seinem Amt zurück und heiratete 1525. Weihnachten 1525 wurde erstmals das Abendmahl in beiderlei Gestalt ausgeteilt. Aufhebung des Klosters 1534.
  • 2) Evangelische Pfarrei. Ihre Entstehung war eine Folge der Bannandrohungsbulle von 1520 gegen Luther. Der Bischof hatte, da die Klöster weder seiner noch der Jurisdiktion der Stadt unterstanden, keine Handhabe gegen die lutherische Predigt. Unter dem Schutz des Rats führte Johann Frosch 1523 eine evangelische Gottesdienstordnung ein. Durch die Abendmahlsfeier nach ’Wittenberger Art’ 1525 war, begünstigt durch das Wohlwollen des Stadtpflegers Ulrich Rehlinger und die offene Haltung der Augsburger Bürgerschaft, die Reformation faktisch eingeführt. 1531 wurde bei St. Anna eine städtische Lateinschule eingerichtet, das spätere Gymnasium bei St. Anna. 1534 wurde das Kloster endgültig aufgehoben, die Schenkungen gegen eine Leibrente an die Heilig-Geist-Spital-Stiftung übergeben. 1631-1649 wurden die Gebäude bei St. Anna von den Jesuiten genutzt. 1635 verloren die Protestanten ihre Kirchen (Restitutionsedikt) und mussten ihre Gottesdienste bis 1649 im Hof des Anna-Kollegs unter freiem Himmel feiern. Nach Einführung der Parität 1649 Rückgabe der Gebäude an die Protestanten. Am 8.8.1650 wurde das erste Augsburger Friedensfest in St. Anna gefeiert. 1731/32 sorgte Samuel Urlsperger, Pfarrer bei St. Anna, für die Aufnahme und Versorgung der Salzburger Exulanten in Augsburg. 1806 Eingliederung der Pfarrei in die Evangelisch-Lutherische Landeskirche in Bayern. Heute zwei Pfarrstellen; 2312 Gemeindemitglieder (Stand: 1.1.2009).
  • 3) Kirche. Die 1321 errichtete Klosterkirche wurde nach einem Brand imJahr 1460 zwischen 1487 und 1497 spätgotisch erneuert; Turm 1602 von Elias Holl. 1747/49 Barockisierung des Innenraums durch Johann Andreas Schneidmann, Stuckierung nach Entwürfen von Johann Michael (III) Feichtmayr, Deckengemälde von Johann Georg Bergmüller. Neugotischer Altar im Ostchor von W. Vogt (1898) mit einem Tafelbild von Lucas Cranach in der Predella (Jesus segnet die Kinder, 1531/40). An den Chorwänden Bilder Luthers und Kurfürst Johann Friedrichs von Sachsen von Cranach (um 1529). Der Bogen des den mittelalterlichen Chor und das Langhaus trennenden Lettners ist erhalten. An der Emporenbrüstung zwölf Passionsdarstellungen von Johann Spillenberger und Isaak Fisches d. Ä. (1684/86). Kirchengestühl an der östlichen Langhauswand (um 1632), Eichenholz-Kanzel von Heinrich Eichler (1682/83). An den Langhauswänden Bilder mit biblischen Motiven von Christoph Amberger, Fisches d. Ä. und d. J., Joseph Heintz, Johann Heiß, Johann Ulrich Mayr, Johann Rottenhammer, Joachim von Sandrart, Johann Heinrich Schönfeld,  Christoph Schwarz und Christoph Murmann. Der Westchor (Fugger-Kapelle, vgl. auch 1) wird von dem 1921 erneuerten Altar bestimmt: Pieta und drei kleine Predellenreliefs (Kreuztragung, Kreuzabnahme und Christus in der Vorhölle), alle Hans Da zugeschrieben; auf der Brüstung fünf Putten von Sebastian Loscher; schmiedeeisernes Gitter (17. Jahrhundert). Im Inneren und an den Außenwänden der Kirche Epitaphien und Grabplatten des 16.-18. Jahrhunderts. Die zuletzt 1978 restaurierte Orgel wurde ursprünglich 1518 von Johann von Dobrau erbaut (Orgelprospekt von Jörg Breu d. Ä.). Selbstständige Anbauten: Große (1321) und Kleine Sakristei (1729 erweitert), Goldschmiedekapelle. 1974 Renovierung der Kirche. 1983 Einrichtung der Martin-Luther-Gedenkstätte.
  • Im Annahof (Innenstadt, Amtlicher Stadtplan I 9).

L. Schott, Beiträge zur Geschichte des Carmeliterklosters und der Kirche von St. Anna in Augsburg, in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben 5 (1878), 259-327; 6 (1879), 89-141, 177-280; 7 (1880), 164-232; 9 (1882), 221-284; Friedrich Roth, Augsburgs Reformationsgeschichte, 4 Bde., 1881-1911; Wilhelm Schiller, Die St.-Annakirche in Augsburg, 1938; Hans Wiedemann, Augsburger Pfarrerbuch, 1962; Horst Jesse, Die Geschichte der Evangelischen Kirche in Augsburg, 1983; Die Lutherstiege in Augsburg St. Anna, 1984; Bruno Bushart, Die Fuggerkapelle bei St. Anna in Augsburg, 1994; Bernt von Hagen / Angelika Wegener-Hüssen, Stadt Augsburg, 1994, 62-68; Andreas Hahn, Die St. Anna-Kirche in Augsburg, in: ‚… Wider Laster und Sünde’, 1997, 71-82; Susanne Kasch, St. Anna - eine Kirche, viele Geschichten, 2005; Hermann Fischer / Theodor Wohnhaas, Orgelchronik von St. Anna in Augsburg, in: Zeitschrift für bayerische Kirchengeschichte 76 (2007), 160-187; Johannes Wilhelm, Die Hirn’sche Grabkapelle in Augsburg, in: Augsburger Netzwerke zwischen Mittelalter und Neuzeit, 2009, 95-118.

St. Anna (Foto: Angelika Prem)



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