Stadtlexikon Augsburg - Nachschlagewerk zur Geschichte der Stadt Augsburg und Schwabens.
A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z

Arzt

(Artzt, Artzat, Artzet), Kaufmanns- und Patrizierfamilie

Von: Dr. Peter Geffcken (Stand: 2. Auflage Druckausgabe)

  • 1359-1564 in Augsburg nachweisbar; Herrenstube (Stubenzettel 1416); 1422 kaiserlicher Wappenbrief; 1538 Aufnahme ins Patriziat. Nach Zunamen und älterem Siegel wohl ursprunglich Wundärzte. Seit Mitte des 14. Jahrhunderts ist der Weber Jos (I, † 1393/94) in den Quellen fassbar, ab den 1370er Jahren im Rat, 1376 Steuermeister. Wohnsitzwechsel, die ihn aus der Vorstadt in ein ehemaliges Patrizierhaus führten (1382), sowie Besitzerwerb (1385/90) im Umland belegen sozialen Aufstieg; 1396 war seine Witwe das reichste Mitglied der Weberzunft (Anschlagvermögen 3720 Gulden = 13. Stelle). Indizien für eine Zusammenarbeit der Söhne Jos (II, † 1428/34) und Ulrich (I, † 2.11.1436) sind nur bis 1412 erkennbar. Ulrich (I), durch Heirat mit Anna Langenmantel (I) 1406 stubenfähig, gründete eine eigene Handelsgesellschaft, an der Johann Herwart und - mit einer Kapitaleinlage - eventuell auch die Witwe Sigmund Gossembrots beteiligt war. Sie zählte zu den führenden Augsburger Firmen im Italienhandel; belegt sind auch Handelsbeziehungen nach Frankfurt und Nürnberg. 1426 übersiedelte er wohl aus wirtschaftlichen Gründen nach Nürnberg, wo er, der in Augsburg zuletzt das zweitgrößte Anschlagvermögen versteuert hatte (1422: 14.520 Gulden), ebenfalls zu den reichsten Bürgern zählte. Nachdem der ältere Sohn Johann (I, † 1452/53) die Leitung der Firma übernommen hatte, an der auch sein Bruder Ulrich (II, † 1484/85) und die Schwestern bzw. Schwager beteiligt waren, kam es 1450 zu dramatischen Auseinandersetzungen zwischen den Gesellschaftern, die mit Inhaftierung und Tod Johanns endeten; 1453 wurde der Witwe im 'Landshuter Schied' eine Schadensersatzzahlung Nürnbergs von 28.700 Gulden zugesprochen. Ulrich (II), seit 1446 Augsburger Paktbürger, übersiedelte während der Auseinandersetzungen auf bayerisches Gebiet (Landsberg). Als Teilhaber der Ulrich-Arzt-Gesellschaft werden um 1461, nach Ausscheiden Caspar Nagels († 1466), Georg Höslin († 1470/71) in Augsburg und Ulrich Kifhaber († 1486) in Nürnberg (noch 1460 in Augsburg) genannt. Belege für Aktivitäten der Firma konzentrieren sich auf den bayerisch-österreichischen Raum; als Geschäftsfelder sind Tuch-, Barchent- und Gewürzhandel zu fassen. Für Ulrich (II) sind auch enge Beziehungen ('Diener') zu Kaiser Friedrich III. belegt. Wohl Ende der 1460er Jahre kehrte er nach Augsburg zurück, 1471 erwarb er das Dorf Mindelzell. Ob die Geschäfte von Sohn Anton († nach 1509), der kein Augsburger Bürgerrecht besaß, weitergeführt wurden, ist ungeklärt. Ulrichs Sohn Bernhard († 21.8.1525 Eichstätt) verdankte seine ungewöhnliche geistliche Karriere wohl den guten Beziehungen der Familie zu den Häusern Wittelsbach und Habsburg; seit 1480 Rat Herzog Georgs von Landshut, erlangte der Jurist (Dr. iur. utr.) eine große Zahl von Pfarreien und Propsteien (u. a. 1478 Propst von St. Moritz) sowie Domherren-Pfründen in sechs oberdeutschen Bistü­mern. Die Provision auf ein Kanonikat am Augsburger Dom führte jedoch wegen seiner Herkunft aus einer Augsburger Bürgerfamilie zu langwierigen Prozessen vor der Rota und endete mit Resignation.
  • Sein Bruder, Ulrich (III, * um 1455, † 10.10.1527 A.), die politisch bedeutendste Persönlichkeit, die die Familie hervorbrachte, heiratete wohl nach Ausbildung zum Kaufmann 1477 Walburga, Tochter Jakob (II) Hämmerlins. Eine aktive Beteiligung am Fernhandel erscheint zweifelhaft, eher ist an eitweilige 'Herrendienste' zu denken. Dank des bedeutenden Erbes der Frau war er in der Lage, von seinem Renteneinkommen zu leben. Erwarb bei Teilung der väterlichen Hinterlassenschaft (wohl 1486) Mindelzell. 1495 Zwölfer der Kaufleutezunft. 1496-1501 im Alten Rat (z. T. Steuermeister); verdrängte 1502 Hilpolt Ridler als Zunftmeister aus dem Kleinen Rat und löste ihn 1504 auch im Amt des Bürgermeisters (Stadtpfleger) ab, das er bis 1512 im Zweijahresturnus bekleidete. Durch den Tod Johann Langenmantels 1505 eröffnete sich ihm beim Schwäbischen Bund ein weiteres Wirkungsfeld; anfangs Augsburger Delegierter, wurde er 1513 zum Bundeshauptmann gewählt. Diese 'außenpolitische' Funktion erlangte für Arzt, den die Chroniken als ungeduldigen, 'rau(c)hen man' kennzeichnen, besondere Bedeutung, da er nach Einmischung in die Auseinandersetzungen um die Herrenstube von Bürgermeister L. Hoser innenpolitisch entmachtet wurde. Als Baumeister und Einnehmer zählte er zwar weiterhin zum engeren Führungszirkel, seine Wiederwahl zum Bürgermeister konnte er aber erst wieder ab 1523 durchsetzen, nachdem Hoser sich aus der Politik zurückgezogen hatte. Nicht ganz freiwillig entwickelte Arzt also seine größte Wirksamkeit als politischer Organisator des Schwäbischen Bundes in konfliktreicher Zeit (Reichskrieg gegen Herzog Ulrich von Württemberg, Bauernkrieg). Mit seinem Sohn Ulrich (IV), der 1538 ins Patriziat aufgenommen wurde, erlosch wohl der Ulrich-Zweig in Augsburg; 1536 veräußerte er den Familienbesitz Mindelzell an das Kloster Ursberg.
  • 1478 hatte auch Wilhelm (I, † 26.7.1490), der jüngere Sohn Johanns (I), durch Heirat mit Sibilla Sulzer Augsburger Bürgerrecht erworben. Die Paktsteuer von 50 Gulden lässt die bedeutende wirtschaftliche Stellung des auch im Edelmetallhandel engagierten Kaufmanns erkennen. Belegt sind Geschäftsbeziehungen zum Landshuter Hof: In den 1460er Jahren beglich Herzog Ludwig offene Forderungen von 4597 Gulden mit Rattenberger Silber. Seine älteste Tochter Sibilla heiratete 1498 Jakob Fugger 'den Reichen'. Sohn Wilhelm (II, † 1544/50) arbeitete 1510 in Breslau für die Fugger und 1513/14 in Neusohl für die Königsberger; nach seiner Heirat scheint er sich aus dem Handel zurückgezogen zu haben. Er und Wilhelm (III, 'der jung'), wohl Sohn seines Bruders Johann (III, † 11.6.1522), wurden 1538 ins Patriziat aufgenommen. 1546 gab Wilhelm (III?) das Bürgerrecht auf und wurde bischöflicher Pfleger in Bobingen. Als letztes Mitglied der Familie erwähnen die Pflegschaftsbücher 1564 seinen Sohn.

Paul von Stetten, Geschichte der adelichen Geschlechter in der freyen Reichsstadt Augsburg, 1762, 181 f.; Chroniken der deutschen Städte vom 14. bis ins 16. Jahrhundert 5, 72 ff., 112, 148; 22, 410, 440 f.; 25, 21 f.; Wilhelm Vogt, Die Correspondenz des schwäbischen Bundeshauptmannes Ulrich Arzt von Augsburg 1524-1525, in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben 6 (1879), 281-404; 7 (1880), 233-380; 9 (1882), 1-62; 10 (1883), 1-289; Neue deutsche Biographie 1, 1953, 405 f.; Lebensbilder aus dem Bayerischen Schwaben 6, 1958, 88-130; Heinz Lieberich, Die gelehrten Räte, in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 27 (1964), 129, 132, 154 f.; Eduard Zimmermann, Augsburger Zeichen und Wappen, 1970, 2221, 5758; Rolf Kießling, Bürgerliche Gesellschaft und Kirche in Augsburg im Spätmittelalter, 1971, 324-351; Wolfgang Stromer von Reichenbach, Reichtum und Ratswürde, in: Führungskräfte der Wirtschaft in Mittelalter und Neuzeit, 1973, 32-35; Walter Ziegler, Studien zum Staatshaushalt Bayerns in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts, 1981, 247 f.; Fritz Peter Geffcken, Soziale Schichtung in Augsburg 1396-1521, 1995, München Diss. 1983, 141, 196, Anh. 6-218; Augsburger Eliten des 16. Jahrhunderts, 1996, 12 f.

Ulrich Arzt



Wir freuen uns über Ihre Anmerkungen, Verbesserungsvorschläge und Ergänzungen zu den einzelnen Artikeln. Allerdings behalten wir uns das Recht vor, ungemessene Kommentare zu ignorieren. Gerne können Sie auch direkt per eMail Kontakt mit uns aufnehmen.

Kommentar zu diesem Artikel verfassen

Name:
Email:

Kommentar:
Bitte abgebildeten Sicherheitscode eingeben:


 



Wißner-Verlag Tel. 0821/25989-0